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 Die Spiritualität der Gründergeneration

Sr. Dr. Franziska Carolina Rehbein SSpS

Vorbemerkung:

Es wurden bei diesem Referat nur die Spiritualität des Gründers und der Mitgründerinnen im engeren Sinn beachtet, das heißt, des heiligen Arnold Janssen, der seligen Helena Stollenwerk, Mutter Maria und der Dienerin Gottes Hendrina Stenmanns, Mutter Josefa.

Weitere Mitglieder der Gründergeneration, die durch ihr Leben und Zeugnis die Spiritualität der Anfänge mit begründeten und durch ihre Beiträge aus der Mission und in der Heimat Einfluss hatten auf sie, werden bei diesem Referat nicht berücksichtigt. Zu ihnen können wir zählen: Mutter Maria Michaela, die Mitgründerin der Dienerinnen des Heiligen Geistes von der ewigen Anbetung, Schwester Andrea SSpS, Schwester Anna SSpS, der heilige Josef Freinademetz, Bischof Johann Baptist Anzer, Johannes Janssen, Bruder Bernard, Nicolaus Blum, Hermann Wegener, Hermann auf der Heide, so wie zahlreiche Schwestern, Brüder und Priester der ersten Generation.

Die Ausführungen über den heiligen Arnold wurden zum großen Teil entnommen dem Buch:

Ergriffen vom Geheimnis. Der Beter Arnold Janssen, von Franziska C. Rehbein SSpS, Steyler Verlag, 2003, mit den dort angegebenen Quellen und Hinweisen.

1 Der Religiöse Hintergrund

Der religiöse Hintergrund Arnolds Janssens und der Gründergeneration führt uns in die niederrheinische Mystik. Vor allem das Aufblühen der „Devotio Moderna“ hatte einen tiefgreifenden Einfluss auf Deutschland und die Gegend des Niederrheins, der Heimat Arnold Janssens und der Mitgründerinnen der Steyler Ordensfamilie. Die Spiritualität des 19. Jahrhunderts ist Teil der sogenannten „Modernen Spiritualität,“ die sich durch einen affektiven und devotionalen Charakter auszeichnet. Sie ist christozentrisch und trinitarisch, mit Betonung des menschgewordenen Wortes. Sie stützt sich auf die Schriften des Evangelisten Johannes, des Apostels Paulus und des heiligen Augustinus.

Auch die Herz-Jesu-Verehrung, besonders in ihrer affektiven Dimension, findet weite Verbreitung. Einige Theologen beginnen jedoch, die Herz-Jesu-Verehrung in die Lehre vom „menschgewordenen Wort“ einzuordnen. Zwei französische Jesuiten gründen die Vereinigung des „Gebetsapostolats“. Die Mitglieder dieser Vereinigung versammeln sich monatlich, um in Verbindung mit dem Herzen Jesu für ein bestimmtes Anliegen zu beten und die Kommunion zu empfangen. Die Spiritualität dieser Vereinigung hat tiefgreifenden Einfluss auf die geistliche Entwicklung Arnold Janssens.

Diese Mystik fand ihren Ausdruck in der tiefen, kernigen Frömmigkeit der Familie Janssen. Gerhard Janssen, der Vater Arnolds, war ein Mann des Gebets, ein Freund des Rosenkranzes, der ihn auf seinen einsamen Reisen als Fuhrmann begleitete. Jede Arbeit begann er mit dem Gebet: „Alles mit Gott dem Herrn.“ Das sonntägliche Hochamt opferte er auf zu Ehren der Dreifaltigkeit zum Dank für alle empfangenen Gnaden und Wohltaten. Er hatte auch eine große Liebe und Verehrung zum Heiligen Geist. Es wird berichtet, dass seine Haltung voller Ehrfurcht war und sein Gesicht die Andacht und Ergriffenheit über die Größe und Erhabenheit Gottes widerspiegelte. Er lebte in Gottes Gegenwart und in Vereinigung mit ihm. Aus seinem ganzen Wesen und Verhalten sprach die Überzeugung, dass der unendlich erhabene, dreieinige Gott über unserm Leben steht.

In seinen Unterweisungen wies Gerhard Janssen häufig auf die einzelnen Personen in der Gottheit hin und eiferte zur Verehrung des Geheimnisses der heiligsten Dreifaltigkeit an. Er sprach über das menschgewordene göttliche Wort, über die Verehrung des Heiligen Geistes, über den Frieden und die Freude des Herzens, die er schenkt. An den langen Winterabenden wurde der Prolog des Johannesevangeliums gelesen. So wurde dieses Evangelium, das so eindringlich und klar von der Menschwerdung des Wortes spricht, von früh an in die Seele Arnolds „hineingebetet“.

Arnolds Vater war auch ein großer Bewunderer und Freund der Mission. Abends las er aus den „Jahrbüchern der Glaubensverbreitung“ vor und sprach mit großer Wärme und Begeisterung über die Missionare. Der Charakter Gerhard Janssens vererbte sich in großem Maße auf seinen Sohn Arnold: seine ernste Lebenshaltung, seine strenge Zucht, die Unbeugsamkeit in den Grundsätzen, der rastlose Arbeitsgeist, die tiefe Religiosität, die Verehrung der Dreifaltigkeit, besonders des Heiligen Geistes.

Auch Anna Katharina, die Mutter Arnolds, war eine große Liebhaberin des Gebets. Das Beispiel der betenden Mutter machte auf die Kinder einen tiefen Eindruck, der sie für ihr ganzes Leben prägte. Wenn die Mutter sich allein glaubte, sprach sie halblaut Stoßgebete und Gebetsanrufungen. Nach dem Abendgebet, wenn sie am Spinnrad saß, war sie so in sich gekehrt und im Gebet mit Gott vereinigt, dass die Umgebung kaum noch für sie da war.

Spät am Abend, wenn die andern sich schon zur Ruhe gelegt hatten, stand sie vom Spinnrad auf, kniete nieder und betete in Andacht versunken.

Arnold war seiner Mutter während seines ganzen Lebens mit inniger Liebe zugetan. In der Korrespondenz mit ihr öffnete sich sein Herz, und er zeigte Stimmungen und Gefühle, die er sonst sorgfältig verbarg. Diese stille, einfache Frau, deren Leben ganz Gebet geworden war, übte einen tiefgreifenden Einfluss auf die Herzensbildung ihres Sohnes aus. In seiner Anspruchslosigkeit und in seinem ganz vom Glauben und der Gegenwart Gottes durchdrungenen Blick wurde Arnold das Abbild seiner betenden Mutter.

Wir wissen nur wenig über das Gebetsleben Arnolds während seiner Kindheit und Jugendzeit. Wie die Menschen seiner Heimat, spricht er nicht über das, was in ihm lebt und ihn bewegt. Als Heranwachsender, Student des Gymnasiums auf der Gaesdonck, formuliert Arnold ein Abendgebet für seine Familie, das von dieser und von anderen Familien durch viele Jahre hindurch gebet wird. Sie verraten uns etwas von der Quelle, die in ihm sprudelt. Die Gebete sind Ausdruck eines ungewöhnlich tiefen Innenlebens, das sich in den schlichten Formen seiner Zeit ausdrückt. Unschwer können wir darin nicht nur das Erbe seines Elternhauses erkennen, sondern wir erspüren, wie die Seele Arnolds erfasst ist vom Geheimnis des dreifaltigen Gottes, das schon in dieser Zeit im Zentrum seines Gebetslebens steht. Die Verherrlichung Gottes, seine Anbetung, sein Lob und der Dank für die vielen uns erwiesenen Wohltaten, das ist das Herz, der Beginn und das Ende des Gebetes Arnolds. Das ist das eigentliche Anliegen, das in ihm lebt und das er schon in diesem Alter andern vermitteln möchte.

Geheimnis der Gnade

Als junger Priester, neben seinen Aufgaben als Lehrer, ergänzt Arnold seine theologischen Kenntnisse durch das Studium des hl. Thomas von Aquin. Er besucht mehrmals den Kölner Theologen Matthias Josef Scheeben, und studiert vor allem dessen Werke „die Herrlichkeiten der göttlichen Gnade“(1862) und „Die Mysterien des Christentums“(1865). Besonders das Geheimnis der Dreifaltigkeit ist von besonderem Interesse für Arnold und es festigt sich in ihm eine tiefe Haltung der Ehrfurcht und Hingabe vor diesem Geheimnis des Glaubens. Die Schriften Scheebens haben einen bedeutenden Einfluss auf die geistige Entwicklung Arnolds ausgeübt. In seinen vielen Gebeten, seinen Vorträgen und Ansprachen können wir unschwer die Theologie Scheebens entdecken. Hatte Arnold schon in seinen Studien der Mathematik und der Naturwissenschaften ein tieferes Erkennen und Verstehen der Wirklichkeit gesucht, so bewegt er sich jetzt in der Welt des Glaubens mit großer Freiheit und kleidet die Glaubenswahrheiten in Worte, die der religiösen Kultur seiner Zeit und Umwelt entsprechen.

Vor allem die bleibende Gemeinschaft mit Gott, den er seit früher Kindheit als den Dreifaltigen verehrt und erfahren hat, ist für Arnold eine grundlegende Dimension seiner Spiritualität. Die scholastische Theologie prägte dafür das Wort “heiligmachende Gnade“, das uns im heutigen Sprachgebrauch fremd geworden ist. Gnade ist ein Relationsbegriff, sie hat etwas mit Beziehung zu tun. Wenn ich mich bedingungslos geliebt weiß, wenn ich spüre, dieser Mensch glaubt an mich, an meine Fähigkeiten, ich bin wichtig für ihn, dann bleibt diese Liebe nicht außerhalb meiner selbst, sondern in der Tiefe meines Seines geschieht etwas in mir.

In ähnlichem Sinn bleibt auch die Liebe Gottes zum Menschen nicht äußerlich, sondern geht in die menschliche Wirklichkeit ein. Wenn Gott mich bedingungslos liebt, dann erhält mein Leben einen neuen Sinn. Diese erfahrene Liebe wird zur Wurzel meines Handelns, so dass ich aus dieser Liebe heraus mein Leben gestalten kann, Gott und auch die Menschen wirklich lieben kann. All das ist nicht Ergebnis menschlicher Leistung, sondern reines Geschenk des Heiligen Geistes. Die heiligmachende Gnade muss verstanden werden in engster Relation zur Selbstmitteilung Gottes. In seiner unbedingten Zuwendung teilt Gott dem Menschen nicht etwas mit, sondern Sich Selbst. Sie ist Wirkung und zugleich Voraussetzung dafür, dass der Mensch in Gemeinschaft mit Gott leben kann.

Dieses Geheimnis des Glaubens ist es, das Arnold vor allem in seinen Bann zieht, das ihn Tag und Nacht beschäftigt, das er in seinen Wahlsprüchen immer wieder in Erinnerung ruft, zu dem er alle Menschen hinführen möchte. Dass alle Menschen am Leben der Liebe und Gemeinschaft des dreifaltigen Gottes teilnehmen, das war der Motor, der Antrieb seines Lebens, seines restlosen Einsatzes für das Werk der Glaubensverbreitung.

Im Gebetslebens Arnolds nimmt die Bitte um Vertiefung des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe einen außergewöhnlich großen Platz ein. Wachstum im geistlichen Leben und Fortschritt im Guten sind für ihn vor allem Wachstum dieser drei göttlichen Lebenskräfte in uns. Diese direkte Ausrichtung auf Gott führt ihn immer mehr ins Zentrum aller Wahrheiten: Das Mysterium des dreifaltigen Gottes. Die Offenbarung dieses Geheimnisses in der menschlichen Geschichte und unsere Berufung zur Teilnahme daran werden in der Folgezeit mehr und mehr zum tragenden Grund seines Denkens, Betens und Strebens. Auch die besondere Verehrung des Herzens Jesu tritt in dieser Zeit zu Tage. In Jesus offenbart sich ihm das menschliche Antlitz Gottes, seine unbegreifliche Liebe zu den Menschen.

Die Verehrung des Herzens Jesu

Im Jahre 1844 wurde von einer Gruppe Jesuiten in Frankreich eine Vereinigung unter dem Namen: “Apostolat des Gebetes in Vereinigung mit dem Herzen Jesu“ gegründet. Sein Zweck ist apostolisches Gebet, in Vereinigung mit den Bitten und Opfern des göttlichen Herzens Jesu. Dieses Gebetsapostolat übt in der Entwicklung des Gebetslebens Arnolds einen nicht zu übersehenden Einfluss aus. Im Mittelpunkt stehen dabei die Gesinnungen des Herzens Jesu, die zur Richtschnur des Denkens und Wollens des menschlichen Herzens werden sollen, die Identifizierung mit seiner Lebenspraxis. Dazu kommt der Sühnegedanke, und nicht zuletzt ist die Vereinigung mit den Gesinnungen des Herzens Jesu der tiefste Beweggrund Arnolds, sein Leben einzusetzen, damit alle zum Glauben an den dreieinigen Gott und zur Vereinigung mit ihm gelangen.

Damit tritt ein für Arnold charakteristischer Gedanke hervor, der sein ganzes Leben prägen sollte: das Herz Jesu als Wohnung der allerheiligsten Dreifaltigkeit. Dazu kommt die missionarisch/apostolische Ausrichtung seiner Gebete: die Verherrlichung des dreifaltigen Gottes und die Erfüllung der Heilswünsche des göttlichen Herzens Jesu in der ganzen Welt. Das sind seine Gebetsmeinungen. Unschwer erkennen wir darin schon die großen Linien des Gebetslebens Arnolds, die ihm eigene Spiritualität der Dreifaltigkeit und seine apostolische Ausrichtung, die ihn für seine Lebensaufgabe vorbereiten. Sie offenbaren uns etwas von der Quelle, die in ihm sprudelt und wie er selbst immer mehr zu einer Wohnung des Herzens Jesu wird.

Nachdem Arnold die Leitung des „Gebetsapostolats“ für die Diözese Münster übernommen hat, widmet er sich mit großer Hingabe der Förderung desselben. Dieser Einsatz bewirkt in ihm eine große Umwandlung. War er von Natur aus wortkarg und in sich gekehrt, so bringt der Dienst des Apostolats ihn dazu, seine Hemmungen zu überwinden. Er scheut sich nicht, an die Tür unbekannter Pfarrhäuser zu klopfen, um Anhänger für das Gebetsapostolat zu gewinnen. Er spricht sogar vor der Versammlung des Katholikentages in Düsseldorf, um über die Anliegen des Gebetsapostolats zu sprechen und dieses für alle Katholiken Deutschlands zu empfehlen.

Im Buch zur Aufnahme in das Gebetsapostolats legt er den Mitgliedern der Vereinigung nahe: “Wir verehren das Herz Jesu dann am besten, wenn wir uns seine Gesinnungen aneignen, eingedenk der Mahnung der Heiligen Schrift: `So sollt ihr gesinnt sein, wie Christus Jesus gesinnt war` (Phil 2,5). Das ist die beste Art der Herz-Jesu-Verehrung, dass wir unsere Gesinnungen mit den Gesinnungen des Herzens Jesu gleichförmig zu machen suchen, das heißt, dass wir über Gott, die Dinge dieser Welt und die Ewigkeit denken wie er und in unsern Handlungen nicht unsere eigene Ehre zum Ziel nehmen, sondern seine Ehre und die Ausführung seines ganzen Willens.“1 Oft spricht Arnold auch von den Anliegen, den Wünschen des göttlichen Herzens. Darin wird klar, dass Herz für ihn das Symbol, das Sinnbild der ganzen Person darstellt, das Herz des Menschen im biblischen Sinne. Herz Jesu meint also das Herz Jesu im weiten und vollen Sinn des Wortes, sein ganzes inneres Leben.

Der Einsatz für das Gebetsapostolat und die dadurch gegebenen Kontakte und Einblicke in viele kirchliche Situationen öffnen den Geist Arnolds für die großen Anliegen der Kirche und bringen ihn näher in Berührung mit der Spaltung der Kirche in Deutschland. Für ihn ist es klar, dass eine Wiedervereinigung im Glauben nur durch die göttliche Gnade verwirklicht werden kann. Entsprechend seiner Überzeugung setzt er sich nun dafür ein, diese durch Gebet und Opfer herabzuflehen. Mehr und mehr richtet sich sein Blick auf die großen Anliegen der Kirche und in den Mittelpunkt seiner Aufmerksamkeit tritt die Mission.

Im vergangenen Monat, auf dem 95. deutschen Katholikentag in Ulm, sagte der Präfekt der päpstlichen Kongregation für die Einheit der Christen, Kardinal Walter Kaper, und er zitierte dabei Yves Congar OP (+1995), dass das Wachstum der Kirche in zwei Dimensionen geschehe: einmal durch die Ökumene und einmal durch die Mission. Es macht mich stolz auf unsern Stifter, zu wissen, dass er auf beiden Gebieten Vorläufer war und Wesentliches für das Wachstum der Kirche geleistet hat.

Weiter betonte Kardinal Kasper die Wichtigkeit des Gebetes in diesem Anliegen und er zitierte er dabei den Gründervater der geistlichen ökumenischen Bewegung, den französischen Abbé Paul Couturier (+ 1953), der von einem unsichtbaren Kloster sprach, in welchem der Segen Gottes für die Ökumene herabgefleht wird. Es ist bekannt, dass das inständige und einmütige Gebet für den heiligen Arnold gerade das Mittel war, von dem er die Wiedervereinigung der Christen zu erlangen suchte.

Auch der Kulturkampf, der die Kirche Deutschlands in große Bedrängnis bringt, ist für ihn ein Anlass, weiter über den Horizont der Heimat hinauszuschauen und auch die Leiden und Schwierigkeiten aus dem Blickwinkel Gottes zu deuten. Auch in seinem persönlichen Lebensweg, in der Zeit des Suchens und der Entscheidung, vertraut er sich unbedingt der Liebe und Vorsehung Gottes an: “Zu den Führungen Gottes gehört es ja notwendig, dass er uns seine Absichten erst allmählich offenbart. Wie würden wir sonst lernen, im Licht des Glaubens und unbedingten Vertrauens vor ihm zu wandeln.“2

Nach seiner Loslösung von der Schule in Bocholt widmet er sich der Herausgabe einer Monatszeitschrift, die seine Gedanken und Intentionen in weitere Kreise tragen soll. Vor allem sucht er die Förderung der Weltmission. „Der Kleine Herz-Jesu-Bote will hauptsächlich das Interesse für die äußere Mission der katholischen Kirche unter den Heiden zu erregen suchen... Das Werk der Glaubensverbreitung ist das erste und höchste Ziel der Kirche auf Erden.“3 Das Wichtigste auch für dieses Anliegen ist für ihn das Gebet, besonders zum Herzen Jesu, das er immer wieder empfiehlt. Auch er selbst wird immer mehr ein Betender, der stundenlang in Gott versunken weilt und mit ihm um Klarheit und Wegweisung ringt. Die fortwährende Beschäftigung mit dem Gedanken an ein zu gründendes Missionshaus überzeugt ihn mehr und mehr von seiner Notwendigkeit. Schließlich erscheint es ihm klar, dass es der Wille Gottes sei, das Werk zu beginnen.

Das menschgewordene göttliche Wort

Arnold benennt seine erste Gründung jedoch nicht nach dem Herzen Jesu, sondern gibt ihr den Namen: “Gesellschaft des Göttlichen Wortes“. Damit wird klar: das Vorherrschende in seiner Spiritualität, in seinem Gebetsleben und auch in seinem Missionseifer ist das Geheimnis der Dreifaltigkeit, insbesondere seine Offenbarung in der Geschichte der Menschen als Geheimnis des Heils, das sich in unbegreiflicher Weise den Menschen zuwendet. Die einzelnen göttlichen Personen erhalten während der verschiedenen Etappen seines Lebens unterschiedliche Betonung, gemäß seiner inneren Entwicklung. Zur Zeit seiner ersten Gründung steht das Geheimnis der Menschwerdung des Göttlichen Wortes im Mittelpunkt seiner Gedanken und Gebete. Die Ausbreitung des Glaubens, die Verkündigung des göttlichen Wortes ist daher das besondere Ziel seiner ersten Gründung.

Im ersten Entwurf seiner Statuten treten die Grundlagen der Spiritualität Arnolds klar zu Tage: Das Geheimnis der Dreifaltigkeit, das Göttliche Wort, das er besonders verehrt in seiner Menschwerdung, seine Gegenwart im Herzen Jesu, in der Eucharistie und seine Wohnung in den Herzen der Menschen. Die Erkenntnis, dass Gott in den Herzen der Menschen, im Herzen jedes Menschen gegenwärtig ist, auch des ärmsten und ausgeschlossensten, gibt der Spiritualität und dem missionarischen Charisma Arnolds seine große Bedeutung für unsere Zeit. Es ist bezeichnend ,dass er nie sagt: Es lebe das Herz Jesu in den Herzen der Christen, oder, es lebe der heilige dreieinige Gott in den Herzen der Gläubigen, sondern immer heißt es: Es lebe das Herz Jesu, es lebe der dreifaltige Gott in den Herzen der Menschen, das heißt, aller Menschen.

Hundert Jahre später sagt das Zweite Vatikanische Konzil: „Der Sohn Gottes hat sich in seiner Menschwerdung gewissermaßen mit jedem Menschen vereinigt...Alle Menschen guten Willens, in deren Herzen die Gnade unsichtbar wirkt, sind dem Tod Christi gleichgestaltet und dem österlichen Geheimnis verbunden und gehen der Auferstehung entgegen. Denn allen Menschen bietet der Heilige Geist die Möglichkeit, dem österlichen Geheimnis auf eine nur Gott bekannte Weise verbunden zu werden“(GS,22).

Für Arnold ist die Identifizierung mit dem menschgewordenen göttlichen Wort nicht nur ein Wunsch, der auf dem Papier steht, sondern er identifiziert sich mit seinem Meister in seinem Gebetsleben und vor allem auch in seinem Leiden. Es sind nicht so sehr die äußeren Entbehrungen und Einschränkungen der Anfangsjahre, sondern vor allem die Mißachtung vieler einflussreicher Persönlichkeiten, die ihm und seinem Werk mit Skepsis und negativem Urteil gegenüberstehen und ihm daher auch nicht die notwendige Unterstützung geben. Man schaut auf ihn als einen Mann, der an überspannten Ideen leidet. Viele sehen im Mangel an materiellen Mitteln das größte Hindernis für die Erreichung des Ziels.

Das Kapital Arnolds ist sein unerschütterliches Gottvertrauen und die Überzeugung, dass Gott ihn zu diesem Werk berufen hat. Gleichwohl leidet er schwer unter der Gleichgültigkeit und der Mißachtung von außen und den Gewitterstürmen von innen, die dem jungen Missionshaus zur Zerreißprobe werden. Mehr als sonst nimmt er in dieser Zeit seine Zuflucht zum Gebet. Oft betet er mit ausgebreiteten Händen den Kreuzweg. Hier findet er Kraft, auszuharren und seinen Weg weiterzugehen. Seit vielen Jahren spürt Arnold in sich das Verlangen zur Ganzhingabe an Gott. Seit in ihm der Entschluss gereift ist, das Missionswerk in Steyl zu gründen, fühlt er sich nur mehr als ein Werkzeug in der liebenden Hand Gottes. Doch wie seinen eingeborenen Sohn, so führt diese Hand auch Arnold durch Widerwärtigkeiten, Leiden und Tod zur Verwirklichung seiner Sendung und zur endgültigen Verherrlichung. Daher gehört die radikale Hingabe an Gott in Jesus Christus, vor allem auch in seiner Leidenshingabe, wesentlich zur Spiritualität Arnolds. Sie findet ihren Ausdruck auch in seiner Vorliebe für den Kreuzweg, den er in schweren Zeiten mehrmals am Tag betet. Auch in seinen Vorträgen und Artikeln finden wir häufig Erwägungen über das Thema der Leidensschule, die er selbst so intensiv erfährt.

Die Quelle der Kraft und inneren Freude Arnolds, die ihn befähigen, auch unter schwersten Umständen und Widerwärtigkeiten durchzuhalten, ist seine tiefe Verankerung in Gott, seine radikale Hingabe an den Willen des Vaters, sein unerschütterliches Gottvertrauen. Dieses Gottvertrauen ist Arnolds Stärke in allen Leiden und Schwierigkeiten und er ist überzeugt, dass es Gott unmöglich ist, das Vertrauen zu täuschen. Er ermutigt auch andere, um so fester zu vertrauen, je widriger eine Sache ist und sich der göttlichen Vorsehung auch in düsteren Tagen zu überlassen.

Ergriffen vom Geheimnis

Zur Zeit seiner ersten Gründung steht das Geheimnis der Menschwerdung des Göttlichen Wortes im Mittelpunkt des Denkens und Strebens, des Betens und Handelns Arnolds.

Der Name: Gesellschaft des Göttlichen Wortes, sollte zugleich die Hauptaufgabe seiner Gründung andeuten, die Verkündigung des Evangeliums, des Göttlichen Wortes. Der Name sollte ein Programm sein für die Mitglieder seiner Gründung, die Nachfolge und die Lebensgemeinschaft mit dem menschgewordenen Göttlichen Wort, wie es in den heutigen Konstitutionen (1982) der SVD heißt: „Sein Leben ist unser Leben, seine Mission ist unsere Mission“.

Arnold ist ergriffen vom Geheimnis der Menschwerdung. In immer neuen Worten und Formulierungen wendet er sich dem unbegreiflichsten aller Geheimnisse zu: dass uns im Menschen Jesus von Nazareth das absolute Geheimnis, die Gegenwart Gottes im Menschen begegnet und seine Teilnahme an der Geschichte der Menschen. Ohne Zweifel haben die Worte des Prologs des vierten Evangeliums, die er in den Wintermonaten an jedem Abend in seinem Elternhaus hörte, sein Denken und Betrachten bleibend beeinflusst. Vielleicht dürfen wir auch sagen, dass der starke mystische Zug im Wesen Arnolds hier seine erste Quelle hat: das göttliche Wort in seinem ewigen Ursprung und in seinem zeitlichen Erscheinen in dieser Welt stand sozusagen an der Wiege Arnolds und zog ihn bleibend in seinen Bann. Der Schoß des Vaters ist die Heimat des Göttlichen Wortes, von dem es ausgeht und zu dem es wieder zurückkehrt. Es ist auch die verborgene Heimat Arnolds, zu der es ihn unwiderstehlich hinzieht und wo er seine unerschöpfliche Kraftquelle findet.

Was Arnold dabei besonders fesselt, ist unsere Teilnahme an diesem Geheimnis durch die Gnade, durch die Einprägung des übernatürlichen Bildes Gottes in unsere Seele. Die Geburt Gottes in der Geschichte und von daher die Geburt Gottes in unserer Seele sind die Wahrheiten des Glaubens, die Arnold im tiefsten seines Herzens ergreifen und seinem Leben Sinn geben. Sein sehnlichster Wunsch ist es, dass alle Menschen dieses Geheimnis erkennen und daran teilnehmen.

Das Wunder der Kindheit Gottes

Eine besondere Andacht Arnolds, die aus seiner Ergriffenheit vom Geheimnis der Menschwerdung des Wortes hervorfließt, ist die Verehrung der göttlichen Kindheit.

Er richtet sich an das menschgewordene Wort mit ergreifenden Ausdrücken der Liebe, Ehrfurcht und Bewunderung. Er möchte auch andere mit dieser Liebe und Begeisterung anstecken. Er beschwört seine Leser förmlich, sich von diesem Geheimnis ergreifen zu lassen, wie er selbst davon ergriffen ist. Wenn es darum geht, seiner Liebe und Begeisterung zu diesem Geheimnis Ausdruck zu verleihen, verwandelt sich der nüchterne Mathematiker und Naturwissenschaftler in einen begeisterten Schreiber, der nach stets neuen Worten greift, um seine Leser und Leserinnen mit in dieses Geheimnis zu ziehen. In einem alten Regelentwurf verwendet Arnold Ausdrücke einer Brautmystik, die wir nicht bei ihm vermuten würden, die er jedoch auch in gefühlsbetonten Versen zum Ausdruck bringt:

„Mit dem Griffel Deiner Liebe, schreibe, o Geliebter mein,
Unauslöschlich meinem Herzen Deinen süßen Namen ein!
Jesus, Du mein Vielgeliebter, unter allen auserwählt,
Möge alle Welt es wissen, wem für ewig ich vermählt.
Wer auf immer Einlass fordert zu des Herzens Brautgemach,
Keinem steh es fürder offen, ob er poche Tag für Tag....“4

Ein charakteristischer Ausdruck für die große Liebe Arnolds zur Menschwerdung und insbesondere zur göttlichen Kindheit ist die von ihm eingeführte Weihnachtsprozession, wie sie in vielen Steyler Gemeinschaften heute noch Brauch ist. Diese Inszenierung ist für ihn nichts Äußeres, sondern es drängt ihn, das Geheimnis, das ihn selbst im tiefsten seines Herzens bewegt, anschaulich darzustellen, um so seiner Liebe Ausdruck zu verleihen und auch andere zur gleichen Liebe und Verehrung zu führen. Er selbst erläutert den tiefen Sinn dieser Andacht: „Das Ziel der Menschwerdung ist unsere Vereinigung und Verähnlichung mit Gott.“ Bei allem steht ihm das Heil aller Menschen vor Augen und in der sogenannten Krippenandacht lässt er die Gemeinschaft täglich beten für diejenigen, die den dreifaltigen Gott noch nicht kennen.

Auch in der Kirche sieht Arnold die Fortsetzung der Menschwerdung. Daher gehören für ihn die Leiden ebenso zur Kirche wie zum Gottmenschen: „Zu wundern braucht man sich nicht über die Verfolgungen der Kirche, sie ist ja der fortlebende Christus. Darum muss sich sein Schicksal an ihr wiederholen.“ Arnolds Liebe und unbedingte Treue zur Kirche, selbst wenn er von Vertretern der Kirche manches Unverständnis zu ertragen hat, finden in dieser Überzeugung ihren tiefsten Grund. Vor allem lebt in Arnold die Überzeugung, dass Christus in ihm, in jedem von uns lebt. Aus diesem Glauben und der inneren Erfahrung der Lebens- und Leidensgemeinschaft mit Christus erwächst ihm die Kraft, Leiden zu ertragen und zu bewerten.

Das gibt uns auch einen Schlüssel zum Verständnis der großen Liebe und Verehrung Arnolds zur Eucharistie. Die Kirchenväter nennen die Eucharistie eine Fortsetzung der Menschwerdung. Wie Christus in Maria seinen menschlichen Leib annahm, so nimmt er in der Eucharistie seinen zweiten, den mystischen Leib an und erweitert ihn stets in neuen Gliedern. Nur deshalb wird in der Wandlung der Leib Christi wiedergeboren, damit er in der Kommunion sich mit den einzelnen Menschen vereinige, mit ihnen ein Leib werde, und damit das göttliche Wort in jedem Menschen gleichsam von neuem Mensch werde, indem es dessen menschliche Natur zur Einheit mit der seinigen in sich aufnimmt. Oft weist der Gründer darauf hin, dass in der Eucharistie mit dem Göttlichen Wort zugleich der Vater und der Heilige Geist gegenwärtig sind, wenn auch nicht auf dieselbe Weise. Er weist auch darauf hin, sich bei der geistigen Kommunion nicht nur mit dem ewigen Wort, sondern auch mit dem Vater und dem Heiligen Geist zu vereinen und sie anzubeten. Im heutigen Verständnis können wir zur geistigen Kommunion hinzufügen, dass das Sakrament der Eucharistie nur dann Bedeutung hat, wenn es das gesamte menschliche Leben heiligt, wenn unser ganzes Leben eine Opfergabe wird, wenn wir erkennen, dass Christus auch gegenwärtig ist in jeder Mahlzeit, in jeder Begegnung, in der geschwisterlichen und universalen Liebe.

Leben in und aus der Dreifaltigkeit

Ein Geheimnis, dem Arnold besondere Verehrung widmet, ist das Wohnen der Dreifaltigkeit im Herzen Jesu. Seine Lieblingsidee vom Innewohnen Gottes im begnadigten Menschen sieht er am vollkommensten verwirklicht im Herzen Jesu, so wie es heißt im Kolosserbrief: “In Ihm wohnt die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig“(Kol 2,9). Arnold ist wie gefesselt von dem Geheimnis der Gegenwart der heiligsten Dreifaltigkeit im Herzen Jesu. Er versucht, dies in schlichte Worte zu kleiden, um auch einfachen Menschen dieses Geheimnis nahe zu bringen. Dazu schreibt er für die Leser des Kleinen Herz-Jesu-Boten: „Die ganze heiligste Dreifaltigkeit wohnt im Herzen Jesu: die Allmacht des ewigen Vaters, die Schönheit und Weisheit des ewigen Wortes, die hingebende Liebe und der Reichtum des Heiligen Geistes.“5 So wie die heiligste Dreifaltigkeit im Herzen Jesu wohnt, so soll sie auch in uns Wohnung nehmen nach den Worten Jesu: „Wenn jemand mich liebt, wird er mein Wort halten, und mein Vater wird ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und Wohnung bei ihm nehmen“ (Joh 14,23).

Dieses Bewusstsein der Anwesenheit der Dreifaltigkeit in jedem Menschen ist es, was die Spiritualität und das missionarische Charisma Arnold Janssens so aktuell machen für unsere Zeit. Der christliche Glaube ist die Verkündigung der Absolutheit Gottes im Relativen, in der Beschränkung, in der Schwäche, in der Ohnmacht. Der Glaube besteht darin, die Gegenwart Gottes aufzuspüren in der Verborgenheit, in der Schwäche und Unerkanntheit des Menschen.

Die Inkarnation, das Geheimnis, das dem Steyler Gründer so teuer war, ist die Identifikation Gottes mit dem Menschen. In jedem Menschen begegnet mir Gott, in seiner ganzen Majestät und Größe. Und er sagt: Wenn du ihn berührst, berührst du mich, liebst du mich und verfolgst du mich (vgl. Apg 9,4-5).

„Es lebe der heilige dreieinige Gott in unsern Herzen und in den Herzen aller Menschen“. Diesen Wahlspruch, dieses Gebet kann man als die Zusammenfassung der Spiritualität Arnolds und seines missionarischen Charismas betrachten. Bei der Vielzahl der von ihm verfassten Gebete und Andachten zu den Engeln und Heiligen, verliert er nicht das Zentralgeheimnis des christlichen Glaubens aus den Augen. Er schreibt, dass die Verehrung der Engel und Heiligen nur eine mittelbare Gottesverehrung sei und er lenkt auch in seinen Gebeten zu den Heiligen alle Ehre auf Gott. Auch die für den Steyler Gründer charakteristische Engelverehrung, wie sie vor allem in der Steyler Oberkirche Ausdruck findet, lässt ihn nicht die Mitte verlieren. Engel stehen vielmehr anbetend vor dem Thron der Dreifaltigkeit und sind Diener Gottes im Kampf gegen die Mächte der Finsternis. Arnold ist überzeugt, dass in diesem Kampf, den er vor allem in der Glaubensverbreitung erfährt, alle menschlichen Bemühungen schwach und unwirksam sind und ruft daher die himmlischen Mächte um Schutz und Beistand an. Die Priester seiner ersten Gründung bittet Arnold, an erster Stelle die Liebe und Verehrung der drei göttlichen Personen sowie die Gegenwart der Dreifaltigkeit in den Menschenherzen zu verkünden und die Herrlichkeit der Gnade, die das bewirkt.

Das Dreifaltigkeitsfest, das Arnold zum Hauptfest seiner Gründungen bestimmt, ist für Arnold vor allem ein Missionsfest. Sein ganzes Sehnen und Streben geht dahin, dass alle Menschen zur Erkenntnis dieses wunderbaren Geheimnisses gelangen und an der Gemeinschaft des göttlichen Lebens teilnehmen. Davon zeugt auch der Beginn seiner „Fürbittenden Gebete“, die schon früh in den drei Kongregation eingeführt werden: „Erkannt, geliebt und verherrlicht werde von allen Menschen der heilige dreieinige Gott: die Macht des Vaters, die Weisheit des Sohnes und die Liebe des Heiligen Geistes.“ Besonders teuer ist dem Gründer die Verehrung und Anbetung der Dreifaltigkeit auf ihrem mystischen Thron im Herzen der Menschen.

Der Ort der Welt, an dem Gott in besonderer Weise gegenwärtig ist, ist der Mensch. An die Inkarnation, an Jesus von Nazaret glauben, heißt die Absolutheit Gottes in einem Menschen erkennen. Seit der Inkarnation hat Gott Anteil an der Bedingtheit und Begrenztheit des Menschen. Seine bevorzugte Gegenwart, in der er sich zu erkennen gibt, ist seine Gegenwart im Menschen. Der Mensch ist das Sakrament der Gegenwart Gottes, der Tempel des Heiligen Geistes.

Von dieser Wahrheit ist Arnold bis ins Tiefste seines Herzens durchdrungen, sie ist das Zentrum seines Lebens, um das sich alles dreht und bewegt. Er hat Gott, den Dreifaltigen, immer vor Augen. Er lebt in seiner Gegenwart, innerlich mit ihm verbunden. „Der Blick auf Gott gibt allem die rechte Weihe,“ so sagt er. Diese Weihe prägt vor allem Arnold selbst, seine ganze Erscheinung, seinen Umgang mit Menschen und Situationen. Der stete Blick auf Gott schenkt ihm Ruhe bei aller Betriebsamkeit, in seinem Amte, seinen vielen Aufgaben. Mit diesem Blick schenkt er sich Gott und Gott sich ihm. Er wird von den Geschöpfen nicht hin und her gezogen, vielmehr sprechen ihm diese von Gott und stärken den Blick auf Gott. Daraus erwächst ihm die innere Freiheit, um in allen Entscheidungen nur Gott und sein Reich zu suchen.

Wir könnten auch sagen, dass er der Heilige ist, der in allem aus Gott, in Gott und für Gott lebt in Glauben und Vertrauen, Hoffnung und liebender Hingabe. Dieses Auge des Glaubens, das in allem gleichzeitig das Sichtbare und das Unsichtbare sieht, das die Wirklichkeit der Welt und die eigene Existenz tief verwurzelt und gegründet sieht in der unbedingten Liebe und Zuwendung Gottes, möchte er den Seinen vermitteln. Darum schenkt er den von ihm gegründeten Gemeinschaften das sogenannte „Viertelstundengebet“, das wesentlich in der Erweckung von Glaube, Hoffnung und Liebe besteht, der Erneuerung der Gemeinschaft mit Gott und der Bitte um den Heiligen Geist. Jede Viertelstunde wird es beim Schlagen der Uhr wiederholt. So will Arnold die Mitglieder seines Werkes von Beginn an zum Geist des Gebetes führen. In der häufigen Wiederholung der Akte des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe sieht er ein fruchtbares Mittel, die innere Sammlung und das Leben in Gottes Gegenwart zu fördern.

Der Heilige Geist

Charakteristisch für den Steyler Gründer ist die Verbindung der Verehrung des Herzens Jesu und des Heiligen Geistes. In einer längeren Ausführung zeigt Arnold das biblische Fundament dieser Verbindung. Arnold sieht eine doppelte Bewegung zwischen dem göttlichen Herzen Jesu und dem Heiligen Geist. Auf der einen Seite ist es der Heilige Geist, der das menschliche Herz Jesu gestaltet und gebildet, der in ihm Wohnung genommen hat als seinem vorzüglichsten Tempel, wie es in einer Anrufung der Herz-Jesu Litanei heißt: „Herz Jesu, vom Heiligen Geist gebildet“. Andererseits empfangen wir aus dem Herzen Jesu, dass das Herz des menschgewordenen Sohnes Gottes ist, alle Gnaden des Heiligen Geistes.

In der letzten Phase der geistlichen Entwicklung Arnolds tritt die besondere Verehrung des Heiligen Geistes mehr in den Vordergrund. Ein Meilenstein auf diesem Weg der besonderen Hinwendung und Hingabe Arnolds an den Gott der Liebe ist seine Weihe an den Heiligen Geist, die er am 3. Oktober 1887 in der Lazaristenkirche in Wien vollzieht. In seinen „persönlichen Aufzeichnungen“ schreibt er darüber: „Ich habe mich nach Leib und Seele Ihm (dem Heiligen Geist) gänzlich zum Opfer gebracht und ihn um die Gnade gebeten, die Größe seiner Liebe zu erkennen und für Ihn allein zu leben und zu sterben. Möge er mir beistehen, sündenrein durch dieses Leben zu wandeln und dem heiligen Willen Gottes in allem zu entsprechen. Der Heilige Geist ist ja das Herz der Kirche nach Augustin und Papst Leo XIII. und zugleich das Herz Gottes selbst, in welchem Er Sich und die Menschen liebt. Möge Er mir die Gnade verleihen, in diesem heiligen Herzen zu leben und zu wohnen und stets nach Seinem heiligsten Willen zu handeln.“6

Ohne Zweifel steht Arnold während seines ganzen Lebens unter dem Einfluss des Heiligen Geistes. Es ist jedoch in der letzten Periode seines geistlichen Lebens, dass die besondere Glut der Liebe und Hingabe an den Heiligen Geist in ihm zum Durchbruch kommt. Hermann Fischer bemerkt dazu: „ Der Heilige Geist ist die Vollendung der Heiligung einer Seele und ihre vollkommene Zurückführung und Vereinigung mit Gott. Erst wenn er sich der Seele ungehemmt offenbaren kann und mitteilt, wird ihr Gnadenleben ein Abbild des unendlich friedvollen, in sich ruhenden Lebens der Dreifaltigkeit. Alles Streben, alles Fortschreiten auf dem Weg der Vollkommenheit bleibt unruhig, unfertig und mühsam, solange nicht das Band der göttlichen Liebe, und das ist der Heilige Geist, alles zusammenschließt und in Gott eint.“7

Sicher dürfen wir sagen, dass Arnolds Spiritualität diesen Grad der Einheit in sich selbst und in Gott erreicht hat. Weil er zu einer solch großen Vertrautheit mit den göttlichen Wahrheiten gekommen ist, wird er bei jedem Schritt auf sie hingewiesen. Wichtig ist ihm, dass auch bei der besonderen Verehrung des Heiligen Geistes die heiligste Dreifaltigkeit im Zentrum bleibt:

„Es wird die Verehrung des Heiligen Geistes dahin führen, dass die Menschen auch den Vater und den Sohn lieben und ehren. Bei der besonderen Verehrung des Heiligen Geistes muss man unbedingt auf die Verehrung der ganzen heiligsten Dreifaltigkeit zurückkommen; denn der Heilige Geist geht aus der Liebe des Vaters und des Sohnes hervor, und er ist es, durch den Vater und Sohn die Menschen begnadigen.“8

Diese Aussagen zeigen, dass Arnold in seinem Denken und Beten immer trinitarisch ist und bleibt. Mag des Herz Jesu, das menschgewordene göttliche Wort oder der Heilige Geist zu verschiedenen Zeiten mehr seine Aufmerksamkeit, seine Liebe und Bewunderung hervorrufen, er verliert nie die Verbindung mit dem Zentrum, der Dreifaltigkeit, von der alles seinen Ausgang nimmt und in der alles seine Vollendung findet.

Arnold hat eine große Leichtigkeit, in den Ereignissen und Situationen des täglichen Lebens die Nähe und das Wirken Gottes wahrzunehmen und sucht darin den Willen Gottes zu finden. Er erwägt die Situationen und Ereignisse nach allen Seiten gründlich und achtet gleichzeitig darauf, wie sich die äußeren Verhältnissen entwickeln. In diesen Umständen sieht er das Wirken der göttlichen Vorsehung, die den Weg bereitet oder verschließt, ihm zustimmt oder davon abrät. Er lebt so tief im Bewusstsein der Gegenwart Gottes, dass er sich in jedem Augenblick ganz in seiner Hand fühlt. Dabei erwartet er nicht eine außerordentliche oder wunderbare Führung, sondern er sieht ihr Wirken in den täglichen Ereignissen des Lebens und der inneren Neigung seines Herzens.

Das Gebetsleben Arnolds hat etwas Bodenständiges. Mit einfühlsamer Wahrnehmung des Wehens des Geistes findet er seine Spuren in den Gegebenheiten und Ereignissen des täglichen Lebens. Als echter Mystiker pflegt er bewusst den konkreten Bezug zur Wirklichkeit des Alltags und verfügt über eine klare Vision von Welt und Mensch. Er entdeckt Gott im Herzen der Welt. Seine Gotteserfahrung hat immer etwas Missionarisches. Was er selbst als beglückend und sinngebend erfährt, das möchte er auch anderen mitteilen. Der tiefste Beweggrund seiner Missionsbegeisterung ist die Verherrlichung der Dreifaltigkeit. Für ihn ist alle Missionsarbeit im letzten Sinne Verherrlichung des Vaters und des Sohnes, der durch den Heiligen Geist und im Heiligen Geist alle Menschen an seinem Leben teilnehmen lassen will.

In Gottes Gegenwart: kontemplativ – missionarisch

Die ständige innere Aufmerksamkeit auf die Gegenwart Gottes und Wahrnehmung seiner Einsprechungen, seine bleibende Verbindung mit Gott, den er überall gegenwärtig erfährt, sind ohne Zweifel hervorragende Züge im Gebetsleben Arnolds. Das Bewusstsein, ständig von der liebenden Gegenwart Gottes umgeben zu sein, lässt ihn alle Dinge und Ereignisse im Licht dieser Gegenwart sehen. In jungen Jahren hatte er viele Stunden des Tages und vor allem der Nacht dem Gebet, oft einem wahren Ringen mit Gott, gewidmet. Im reifen Alter äußert sich seine Gebetshaltung vor allem im „ständigen Wandel in Gottes Gegenwart.“ Sein ganzes Leben und Arbeiten ist Gebet geworden. Sein Sekretär bezeugt von ihm: „Er war immer in Gebetsstimmung. Das ist der bleibende, tiefe Eindruck, den ich aus meinem langen Zusammenleben mit ihm gewonnen habe.“ Aus Anlass des 100. Geburtstages von Arnold Janssen sagt Anton Hilger von ihm: „Das ganz Große an unserm Vater Arnold ist, dass er immer unter dem Bewusstsein der göttlichen Gegenwart stand und nur nach Gottes Willen handeln wollte....Mochte er äußerlich die allerprofansten Dinge betreiben, er war auch dann sichtlich und bewusst in Gottes Gegenwart. Daher auch seine immerwährende Gebetsstimmung, der er in der Einführung des Viertelstundengebetes wohl das schönste und sprechendste Denkmal gesetzt hat.“9

Für Arnold sind die Wahrheiten des Glaubens so wirklich und konkret wie die Dinge und Situationen des täglichen Lebens. Er ist ganz beherrscht und ergriffen von dem Gedanken, dass Gott ihn mit all seinen Angelegenheiten, Sorgen und Nöten so aufmerksam anschaut, als wäre er das einzige Geschöpf. Aus seinem Herzen kann daher auch keine andere Antwort aufsteigen als liebende und vertrauensvolle Hingabe und die Bereitschaft, sich jederzeit an den auf ihn wartenden Gott zu wenden. Daher ist das Vertrauen in die Macht des Gebetes eine der Stärken des Gründers, die ihn während seines ganzen Lebens begleitet. Es ist für ihn ganz selbstverständlich, dass Gott ihn nicht im Stiche lassen wird. Und Gott hat dieses Vertrauen nie enttäuscht. Ähnliches Vertrauen erfüllt ihn auch in Bezug auf sein eigenes Heil. Er fühlt sich in Gottes Liebe und Führung geborgen. Daher fürchtet er den Tod überhaupt nicht, sondern denkt immer nur an das, was ihn hinter der Pforte des Todes erwartet. „Wenn wir erst einmal im Himmel sind,“ so leitet er oft seine Gespräche ein und spricht mit leuchtenden Augen vom Himmelsglück.

Abschließend können wir sagen, dass die Spiritualität Arnolds grundlegend aus der Schrift genährt ist. In der trinitarischen Dimension stützt er sich zum großen Teil auf den Evangelisten Johannes. Die Christozentrik basiert auf Johannes und Paulus und das Leben im Geist findet er wiederum bei den genannten neutestamentlichen Theologen. Auch die Namen seiner Gründungen zeugen von seiner tiefen Verwurzelung in der Heiligen Schrift. Er hat vor allem das trinitarische Geheimnis als Heilsgeheimnis in Gebetssprache gebracht. Es geht ihm um die Erkenntnis und Teilnahme an diesem unendlichen Liebesgeschehen Gottes (vgl. Joh 17,3). Seine Gebete sind zutiefst missionarisch-apostolisch. Er möchte andern mitteilen, was er selbst erfährt und was ihn bis ins Innerste seines Herzens ergreift. Das Zentrum seines Lebens ist das Geheimnis der Dreifaltigkeit, wie es sich in unbegreiflicher Liebe als Heilsgeheimnis in der menschlichen Geschichte offenbart und mitteilt. In dem Maße, wie ihm dies im Verlaufe seines Lebens in den verschiedenen Etappen innerlich neu und tiefer offenbart wird, in gleichem Maße möchte er andern davon mitteilen. Das ist der Grund seiner vielen mündlichen Gebete. Es drängt ihn, den Menschen diesen Reichtum der göttlichen Liebe und Zuwendung zu offenbaren und sie dahin zu führen, dass auch sie in vertieftem Maße an diesem Geheimnis teilnehmen. Uns ist die Aufgabe gestellt, die Hürde der Worte und Formulierungen zu überspringen und zur inneren Quelle zu kommen, aus der diese Worte hervorquellen.

Die Mitgründerinnen

Ähnliche Merkmale des Lebens in und aus der Dreifaltigkeit finden wir auch in der Spiritualität unserer Mitgründerinnen. Hierbei möchte ich nicht so sehr die theologischen Elemente hervorheben, sondern vor allem aufzeigen, wie diese beiden heiligen Frauen ihr Leben vom Geist umgestalten und formen ließen, so dass es auf andere ausstrahlte und sie mit in seinen Bann zog.

Helena Stollenwerk – Mutter Maria

Die Berufung der seligen Maria Helena Stollenwerk, der ersten Mitgründerin der Steyler Ordensfamilie, wächst und reift in ihrer Familie, eingebettet in die steinigen, doch sonnigen Berge der Eifel. Seit früher Kindheit erfährt sie den Ruf zur Mission, der sie erreicht durch die Hefte des Päpstlichen Werkes für Kinder. In langen Stunden der Stille und des Alleinseins auf den Eifelwiesen, wo ihr das Hüten der Kühe obliegt, nimmt sie mehr und mehr die Gegenwart dessen wahr, der sie ganz in seinen Dienst nehmen will. Die Stille lässt ihr genügend Zeit, die Hefte des Missionswerkes zu lesen, und es wächst ihre doppelte Berufung: die der Mission und die der Kontemplation. Ihr tiefstes Sehnen ist es, für die auswärtigen Missionen verwandt zu werden, oder in einen Orden einzutreten, welcher Missionen in den „heidnischen“ Ländern habe.

Eine andere Quelle, welche die Berufung Helenas auf dem kargen Boden der Eifel nährt, ist die Eucharistie. Manchmal kniet sie schon – nach einer Stunde schwerer Arbeit am Morgen – nüchtern, gemäß den damaligen Vorschriften, im Dunkel und in der Kälte des Wintermorgens, vor der noch geschlossenen Kirchentür, in der Hoffnung, die hl. Kommunion würde ausgeteilt. Auch die Verehrung des Herzens Jesu ist schon früh Bestandteil der Spiritualität Helenas. In ihrem ersten Brief an den Steyler Gründer schreibt sie: „Die Andacht zum heiligsten Herzen Jesu war jederzeit meine liebste Andacht. Wenn es einen Orden gibt, der dem Herzen Jesu geweiht ist, würde dieser mir der liebste sein; ich habe gelesen, dass es einen Orden gibt, der dem Herzen Jesu geweiht sei und dass er besonders auch in China wirksam ist.“10

Die geschichtliche Situation – es ist die Zeit des Kulturkampfes in Deutschland, in der viele Kongregationen gezwungen sind, ihre Türen zu schließen - bürdet Helena eine lange Wartezeit auf. Vergeblich klopft sie immer wieder bei ihren geistlichen Begleitern und verschiedenen Kongregationen an. Dabei schenkt ihr Gott schon früh die Gabe der Unterscheidung. Bei aller Not ihrer Suche hat sie ein untrügliches Gespür für das, was ihrer missionarischen Berufung entspricht und was nicht. Sie lässt sich dabei leiten von der Erfahrung innerer Freude und des Friedens und spürt bei Traurigkeit und Mutlosigkeit, dass hier nicht der Liebeswille Gottes für sie liegt. In ihrer Berufungsgeschichte schreibt sie, dass ihr Interesse an der Mission und ihr Verlangen, selbst in die Mission zu gehen, sie von frühester Kindheit an mit Freude erfüllt habe. Und sie erfährt Trostlosigkeit und Gottverlassenheit beim Gedanken, ihren Missionsberuf nicht verwirklichen zu können. Wenn sich Gelegenheit dazu bietet, pilgert sie mit ihrer Pfarrgemeinde zur Gnadenkapelle der „Trösterin der Betrübten“ nach Kevelaer. Manchmal bringt sie die Nacht im Gebet vor der Gnadenkapelle zu. Wenn die Gebetsnacht vorüber ist, scheidet sie getröstet von der Trösterin der Betrübten und geht ihren Weg weiter in der Nacht des Glaubens. Als sie schließlich in brieflichen Kontakt mit dem Steyler Gründer tritt, ist sie nur noch von dem Verlangen beseelt, ihr ganzes Leben in den Dienst der Mission zu stellen und Gottes Willen an sich geschehen zu lassen: „Ich verspreche, keine Mühe und keine Beschwerden zu scheuen und bin bereit, mit meiner ganzen Liebe und meinem ganzen Leben mich dem Dienste des Evangeliums zu widmen,“ schreibt sie an Arnold Janssen.

Die Missionsliebe und Begeisterung Helena Stollenwerks für die Mission von früher Kindheit an sind ein wesentliches Element ihres Charismas. In ihrem Suchen und Ringen um Verwirklichung ihrer missionarischen Berufung lässt sie sich zutiefst vom Heiligen Geist führen und horcht ganz bewusst auf die Regungen ihres Herzens, in denen sie die Stimme des Heiligen Geistes erspürt. Schon früh erkennen wir in ihrem Leben die Merkmale eines Herzens, das zutiefst geprägt ist vom Wirken des Geistes, der sie zur vollkommenen Hingabe an den Willen Gottes führt. Selbst ihren Missionsberuf will sie nicht aus eigenem Willen verwirklichen, sondern nur, wenn es der Wille Gottes für sie ist, wie sie Brief an den Gründer schreibt: “So sehr ich auch nach dem Missionsleben verlange, so verlange ich doch noch weit mehr, dass Gottes heiliger Wille an mir geschehe.“

Seit frühester Kindheit und Jugendzeit erfährt Helena Gott als den, der sie sendet, seine Liebe besonders den armen und verlassenen Kindern in China erfahrbar zu machen. Sie hat der Erfahrung getraut und ist dieser inneren Stimme und der Überzeugung, dass Gott sie gerufen hat, treu, auch in allen Schwierigkeiten und der scheinbaren Aussichtslosigkeit auf dem Weg der Verwirklichung dieser Berufung. Gerade in dieser äußerst schwierigen Situation fällt uns ein Merkmal der Spiritualität Helenas auf: die Freude an Gott.

Die Freude an Gott, die sie besonders im Gebet und in der Erfahrung ihrer missionarischen Berufung erfährt, können wir als das eigentliche Charakteristikum Helenas bezeichnen, so wie sie es selbst ausdrückt: „Der Gedanke an unsere Berufung sollte unser Herz jedes Mal vor Freude aufjubeln lassen“. Die Freude an Gott, die Erfahrung einer tiefinneren Freude als Gnadengeschenk des Heiligen Geistes, durchzieht wie ein roter Faden das Leben Helenas.

Einige Zitate aus der Chronik und ihren Briefen geben Zeugnis davon: „Ich war so glücklich, wie ich glaubte, früher nie gewesen zu sein.... Ich bin nicht imstande zu beschreiben, wie sehr wir uns freuen“, schreibt sie beim Umzug ins Drei-Linden-Klösterchen. Von ihrer persönlichen Erfahrung ausgehend, möchte sie auch die Schwestern zu dieser tief inneren Freude führen. Sie bittet die Schwestern, es doch an keinem Tage zu unterlassen, Gott für die Gnade des Missionsberufes zu danken, der sie selbst mit so tiefem Glücke erfüllt.

Bei allen äußeren Aufgaben und Verpflichtungen sucht sie immer wieder die Vereinigung mit Gott im Gebet. Sie erfährt Freude, wenn sie sich ins Gebet begibt oder sich mit göttlichen Dingen befasst. „Ich fühle fast beständig, auch bei äußeren Verrichtungen, ein Sehnen und Verlangen nach Stille, um ungestört Gott in Gebet und Arbeit zu dienen,“ schreibt sie an Arnold. Doch ist sie auch nicht unruhig, wenn die Pflicht oder schwesterliche Liebe sie in den Betrieb des Alltags führen und die „natürlichen Neigungen ihres Herzens aufheben“.

Ihre natürlichen Neigungen und Wünsche des Herzens gehen also dahin, allein beim Herrn zu sein in Anbetung und Hingabe. Die Gegenwart des Herrn in der Eucharistie ist etwas so Lebendiges für Helena, dass sie jedes Mal mit Freude erfüllt wird, wenn sie sich in seine Gegenwart begibt. Ihre größte Freude besteht in der eucharistischen Vereinigung. Das Verlangen Helenas hat etwas Aufrüttelndes an sich. Es zeugt von ihrem lebendigen Glauben an die Gegenwart Christi in der Eucharistie und einer Liebe, die nach Vereinigung verlangt. Sie leidet darunter, nicht öfter zum Empfang der Eucharistie zugelassen zu werden, gemäß den kirchlichen Vorschriften der Zeit.

Das eucharistische Leben Helenas erreicht seinen Höhepunkt mit ihrem Übertritt in die Klausurabteilung. Sie versteht ihr Leben in der Klausur als ein vor dem Herrn stehen in Anbetung, Hingabe und Fürbitte für die Mission. Missionarisches Sein und Kontemplation verschmelzen in der radikalen Hingabe ihres Lebens für die Mission, in einem Leben, das nicht mehr sich selbst gehört, sondern ganz Gabe geworden ist. Sie hat ihre ganze Liebeskraft und Hingabefähigkeit in den Dienst ihrer Sendung gestellt und darin alle Kräfte ihres Lebens verzehrt. Sie wurde dabei durch einen überaus schmerzlichen Wandlungsprozess geführt, der eine fortschreitende Entblößung von ihr forderte. Leer von allen Wünschen und eigenen Vorstellungen, wie sie ihr Leben als Missionarin verwirklichen soll, wurde sie das Herz der jungen Gemeinschaft, die sie mit der Freude und Kraft ihrer eigenen Hingabefähigkeit erfüllte. In der Hingabe an ihre Sendung wurde sie selber zum Brot, das gebrochen wurde für das Leben der Kongregation.

Hendrina Stenmanns – Mutter Josefa

Auch Hendrina Stenmanns, Mutter Josefa, die zweite Mitgründerin der Dienerinnen des Heiligen Geistes, wurde von Gott schon in ihrem Elternhaus auf ihre zukünftige Aufgabe in der Kongregation vorbereitet. Als Hendrina nach Steyl kommt, um sich der zu gründenden Gemeinschaft anzuschließen, ist sie eine Frau von fast 32 Jahren, gereift durch die Wege, welche die Geschichte ihrer Familie und ihrer näheren und weiteren Umgebung sie geführt haben. Durch die Ereignisse in Politik und Gesellschaft, in denen wir im Glauben das Wirken des Geistes erkennen, wurde sie vorbereitet für die Aufgaben, die ihr später als Mitgründerin zufallen sollten.

Zusammen mit ihrer Mutter, und mehr noch nach deren Tod, ist Hendrina die Stütze ihres Vaters in der Verantwortung für die Familie, in der Organisation und Leitung des Hauses, in der Miterziehung der jüngeren Geschwister. Es entwickelt sich der ihr eigene Zug zur Mütterlichkeit, der sie ihr ganzes Leben hindurch auszeichnet. Sie hat ein waches Auge für fremde Not und weiß die verborgenen Kranken und Notdürftigen aufzuspüren. Obwohl sie noch jung ist, sucht man bei ihr Rat, Orientierung und Hilfe auch bei seelischen Anliegen und Problemen. Ihr Leben ist geprägt von großer Einfachheit, sowohl im Umgang mit Gott als auch mit den Menschen, von Vertrauen, Opfer und Hingabebereitschaft. Obwohl sie schon früh den Ordensberuf in sich spürt, muss auch sie eine lange Wartezeit durchmachen. Einerseits durch die Situation des Kulturkampfes, andererseits, weil sie der sterbenden Mutter das Versprechen gegeben hat, für ihre jüngeren Geschwister zu sorgen.

Der Brief, in welchem sie um die Aufnahme in Steyl bittet, gibt Zeugnis von ihrer menschlich gereiften Persönlichkeit und ihrer tiefen Spiritualität: „Recht eifrig habe ich um die Erleuchtung des Heiligen Geistes gebetet, damit Gott mich dahin führe, wohin er mich von Ewigkeit her zu führen beschlossen hat. ...Ich verlange nichts, als mit der Gnade Gottes die Geringste zu sein und mich für das Werk der Glaubensverbreitung zum Opfer zu bringen. Ich will mich ganz in Gottes heiligen Willen ergeben.“11 Später schreibt sie in ihren Briefen an die Schwestern, wie glücklich sie in der Erfüllung ihres sehnlichsten Wünschens geworden ist. „Wie glücklich müssen wir uns schätzen, uns dem Werke der Glaubensverbreitung weihen zu dürfen.“

Ein hervorragender Zug der Spiritualität Hendrinas ist ihre Einfachheit: „Einfach mögen die Schwestern sein in ihrem Benehmen, einfach im Sprechen, einfach im Verkehr mit anderen, doch immer freundlich. Die Einfachheit ist ein Charakterzug unserer Kongregation.“ Ohne Zweifel ist diese Einfachheit der Spiegel ihrer Seele und ihrer inneren Haltung. Diese innere und äußere Einfachheit ist bei Hendrina verbunden mit innerer Freude. In ihren Briefen an die Schwestern finden wir immer wieder die Ermunterung zur freudigen Erfüllung des Willens Gottes und der gegenseitigen Liebe. Das lässt sie auch sagen: „Heiterkeit ist Heiligkeit.“ Diese Erfahrung der inneren Freude als Zeichen der Gegenwart des Heiligen Geistes befähigt sie auch zur Unterscheidung der Geister: „Nehmen Sie sich in acht vor der Traurigkeit. O, dies ist ein böser Geist, der gern alles verdirbt.“

Das Gottesbild Hendrinas ist das des liebenden Vaters, dessen liebende Hand sie sowohl in den äußeren als auch inneren Führungen erkennt. Sie fühlt die Nähe Gottes bei der Bewältigung der alltäglichen Arbeit und ermahnt zum Vertrauen bei Schwierigkeiten. Ihre Beziehung zu Gott erinnert and die Gottesbeziehung Jesu, seine Anrede „Abba“. Es ist beeindruckend, wie häufig, schlicht und unkompliziert sie sich an diesen liebenden Vater wendet und sich ihm in allen Umständen und Lebenssituationen hingibt.

Aus diesem Vertrauen in die liebende Vatersorge erwächst das Verlangen, sich ganz der Führung dieses liebenden Gottes zu überlassen, wie sie in einem Brief an die Schwestern schreibt: „Wie töricht ist es doch, wenn man allerlei Wünsche hat. O, leben wir von Stunde zu Stunde, von Tag zu Tag, und überlassen wir Gott die Zukunft.“ Dieser Satz zeugt von der ungewöhnlichen Freiheit ihres Herzens. Sie dachte nicht an sich selbst, ihre eigenen Wünsche und Bedürfnisse. Sie war überzeugt, dass sie nichts war: “Schauen sie auf mich, ich bin nichts, ich kann nichts, der liebe Gott muss alles tun.“ Ganz von sich selbst entäußert, wusste sie, dass sie nur Ihn durch sich wirken lassen musste, und nur das zu tun, was er in jedem Augenblick von ihr verlangte. Diese Freiheit von allem, was nicht Gott ist, ermöglicht es ihr, ihn und seinen Willen in allen Dingen und in jedem Augenblick zu finden. Sie hat nur einen Wunsch: die Erfüllung des Willens Gottes. „Alles ist nichts, wenn man nicht die reine, gute Absicht hat.“ oder auch: „Die gänzliche Hingabe an Gott ersetzt ja alles..“

Bezeichnend für die Spiritualität Hendrinas ist der einfache Glaubenblick, mit dem sie alle Ereignisse im Lichte Gottes sieht. In allem erkennt ihr glaubendes Auge die Gegenwart Gottes und seines liebenden Willens. Wo der „natürliche“ Mensch nur das Hin und Her äußerer Ereignisse sieht, schaut ihr gläubiges Auge in allem das geheimnisvolle Wirken Gottes. Ebenmaß und Frieden ihres Äußeren spiegeln das Innere ihrer Seele, die in einer beständigen Haltung der Hingabe an Gott und seinen Willen lebt. Und so kann sie auch den Schwestern schreiben: „Der Gesichtsausdruck ist der Spiegel der Seele.“

Sie ist in bleibender Verbindung mit Gott, wie es auch aus folgendem Zeugnis hervorgeht:

„Als ich sie einmal fragte, ob sie denn immer bete, gab sie die schöne Antwort: „Ich weiß das selbst nicht recht; aber ich fühle, dass ich immer bete.“ Durch den schlichten, liebenden Blick ihres Herzens ist Hendrina immer mit Gott vereint, den sie als gegenwärtig im tiefsten ihres Herzens erfährt. Sie hat einen freien, unmittelbaren Zugang zur Gegenwart Gottes und ist glücklich in dieser Gegenwart. „Ein frommer Aufblick des Herzens zu Gott, so oft man sich immer erinnert: darin hat man den ganzen Wandel in Gottes Gegenwart.“ Gott ist ihr Atemholen im Alltag, in allen Begegnungen. In ihrer letzten Krankheit, als das Asthma ihr bei jedem Atemzug unsägliche Mühe bereitet, hinterlässt sie den Schwestern ihr Testament, ein Wort, ihr eigenes Leben und Beten kennzeichnet: „Das „Veni Sancte Spiritus – Komm Heiliger Geist, soll das Atemholen einer Dienerin des Heiligen Geistes sein.“

Die Gegenwart des Heiligen Geistes, die im Leben Hendrinas so sichtbar war, wurde zum Fundament der Spiritualität der Dienerinnen des Heiligen Geistes und ist auch heute für viele von uns eine Quelle des Lebens. Hendrina erfuhr Gottes Liebe in ihrem Herzen und aus diesem vertrauten Einsein strahlte sie intensiv und in natürlicher Weise Gottes Güte aus. Die mit ihr sprachen, spürten in der Helligkeit ihrer Augen eine tiefe Freude. Eine junge kranke Schwester sagte: „Jeder Besuch von Mutter Josefa war wie ein Sonnestrahl, der das Zimmer wärmte und tief in unser Herz drang.“ An eine noch junge Novizenmeisterin schreibt Mutter Josefa: „Errichten Sie in Ihrem Herzen einen Tabernakel, in dem der heilige dreieinige Gott beständig wohnt.“ Wenn sie betete, fühlte man sich tu ihr hingezogen, besonders vor dem Tabernakel.

Das immerwährende Gebet, die Anrufung des Heiligen Geistes ist für Mutter Josefa so lebensnotwendig wie der Atem. Es ist die Quelle ihrer kontemplativen Haltung, ihrer einzigartigen Herzensgüte, ihrer Kraft in allen Widerwärtigkeiten, inmitten der vielen aufreibenden Arbeiten des Alltags. Es ist das Geheimnis ihrer geistlichen Ausstrahlung, die alle, die mit ihr in Berührung kommen, so in ihren Bann zieht. Es ist die Gegenwart des Heiligen Geistes in ihr, dem sie immer mehr Raum in sich gegeben hatte, bis er ihr ganzes Sein erfüllte. Bei Begegnungen mit ihr spüren die Menschen: „Erschienen ist die Güte und Menschenfreundlichkeit unseres Gottes“ (Tit 2,11).


1 Janssen, Arnold: Buch zur Aufnahme in das Gebetsapostolat, in: Fischer, Hermann: Tempel Gottes seid ihr! Die Frömmigkeit im Geiste P. Arnold Janssens.- Steyl, 1932, S. 197

2 Kleiner Herz-Jesu-Bote, Februar 1875, S.12

3 Kleiner Herz-Jesu-Bote, Februar 1874, S. 75

4 Janssen, Arnold: Gedichte von Vater Arnoldus, 1874 – 1899 (1908), gesammelt von Br. Eugenius Wachter und Br. Bonifatius Gassmann. – Steyl, 1949

5 Kleiner Herz-Jesu-Bote, 1874, S. 44

6 Janssen, Arnold in: Rohner, Albert(Hg): Persönliche Aufzeichnungen aus dem Jahre 1906/ herausgegeben und kommentiert von Albert Rohner. - (Analecta SVD; 55) – Rom, 1981, Nr.11

7 Fischer, a.a.O. S.237

8 Fischer, a.a.O. S.243

9 Hilger, Anton: Zum 100. Geburtstag Arnold Janssens (1937), Analetca SVD; 63/II – Rom, 1989, S. 63

10 Stollenwerk, Anna Helena - Mutter Maria. Berufsgeschichte, herausgegeben von Sr. Ortrud Stegmaier SSpS, Rom, 1987, S. 29

11 Stegmaier, Ortrud SSpS (Hg): Mutter Josefa Stenmanns: Briefe an Arnold Janssen, 1990, S. 71 - 72