Divine Word Missionaries

Breaking News


Info & News

from the Generalate

from the Provinces


Back to

Centennial Symposium

Members' Area

Site Map

Home


Deutsch - English - Italiano

Komik und missionarische Gemeinschaft

„Mission als heilige Narrheit“
Ein Symposion zum 100. Todestag der hll. Arnold Janssen und Josef Freinademetz
6. Dezember 2008, Collegio del Verbo Divino - Rom

Antonio M. Pernia, SVD
Generalsuperior

Übersetzer: P.  Anton Fencz, SVD

Das Thema, welches mir für dieses Symposion gestellt ist, heißt: „Komik und missionarische Gemeinschaft“. Nach „contemplatio“ und „compassio“ ist „communio“ das dritte Tafelbild in dem dreiteiligen Flügelaltar, den wir in der heutigen Reflexion über „Mission als heilige Narrheit“ aufzubauen versuchen. Die Frage, welche dieses dritte Referat aufwirft, wenn schon nicht beantworten soll, lautet: „Welche Weisheit können Ordensgemeinschaften ernten, wenn sie das Drama durchleben, multi-kulturelle Gemeinschaften zu bilden?“

Gestatten Sie mir, dieses Thema in drei Schritten zu entfalten, indem ich dem Programm von „Sehen“, „Urteilen“ und „Handeln“ folge. Erstens, eine Betrachtung („sehen“) über die „Unordnung in den Orden“. Zweitens, eine Reflexion („urteilen“) über die „Weisheit aus der Unordnung“ und drittens, eine Empfehlung („handeln“), die aus ein paar Punkten zum Bilden von „inter-kulturellen Gemeinschaften“ besteht.

1. Unordnung in den Orden

Wir wollen also mit der Betrachtung der „Unordnung in den Orden“ beginnen.

1.1 Ordnung in den Orden

Es ist interessant anzumerken, das Institute von Religiosen der Welt draußen gewöhnlich als „Orden“ bekannt sind. Natürlich sind nicht alle Institute von Religiosen „Orden“. Die meisten sind in der Tat eigentlich „Kongregationen“. Aber für den Großteil der Leute in der Welt draußen (und sogar für einige im Ordensleben) ist diese Unterscheidung unbekannt.1 Wie auch immer, unser Interesse gilt hier nicht so sehr dieser Unterscheidung als vielmehr dem Wort „Orden“ (engl. order).

Das Wort „Orden“ hat natürlich mehrere Bedeutungen. Eine ist, „Orden“ als eine Körperschaft, eine Gruppe von Menschen, eine Genossenschaft, eine Gesellschaft, eine Institution. Das Webster’s Dictionary definiert ihn2 als „eine Gruppe von Menschen, die auf formale Weise als eine brüderliche Gemeinschaft vereint sind“. Als Beispiele werden „Mönchsorden“ oder „Freimaurerorden“ angeführt. In diesem Sinne weist Webster’s spezifischer auf eine „Gemeinschaft unter einer Ordensregel“ hin. „Orden“ ist dann also eine Gruppe von Menschen oder eine Gemeinschaft, die durch das Einhalten einer Lebensregel zusammengehalten ist. In der Mönchstradition sind die bekannteren „Lebensregeln“ jene der hll. Pachomius und Basilius im Osten und jene der hll. Augustinus und Benedikt im Westen. Die moderneren Kongregationen sprechen eher von „Konstitutionen“ als von „Lebensregeln“.

Der Begriff von einer gemeinsamen „Lebensregel“ oder von „Konstitutionen“ führt uns zu einer Bedeutung des Wortes „Orden“, die mit „Ordnung“ (engl. order) zu tun hat. Eine „Ordnung“ (order) ist (nach Webster’s)3 eine „Aufstellung von Dingen in Reih' und Glied“ oder eine „regelmäßige Reihe“. So sagen wir, „etwas in Ordnung bringen“ oder es „ordentlich arrangieren“. Das schließt auch ein „etwas der Ordnung gemäß tun“, nämlich „dem Gesetz, der Regel, einer Vorgabe folgen“ und dabei „Frieden und Ausgeglichenheit“ schaffen und eine „geordnete Lebensweise“ ermöglichen.

Demnach ist ein Orden eine Gemeinschaft von Menschen, die sich verpflichtet haben, derselben „Lebensregel“ zu folgen und dadurch unter ihren Mitgliedern eine geordnete und disziplinierte Lebensweise und ein friedliches und harmonisches Leben miteinander schaffen. Ordnung ist in einem Orden offensichtlich ein Wesensmerkmal. Sie ist für die Einheit von Herz und Verstand wesentlich, die der Orden braucht, um seinen Zweck zu erfüllen und seine Ziele zu erreichen - ob das nun die Suche nach Gott allein, das Streben nach Vollkommenheit oder der Einsatz für eine besondere apostolische Aufgabe (z. B. Erziehung, Krankendienst, Verkündigung des Evangeliums) ist. Eine „Tagesordnung“ regelt, was die Mitglieder während des Tages und wann sie es zu tun haben. Regelmäßigkeit wird oft zur Einheitlichkeit. Die Tatsache, dass die Mitglieder dieselbe Kleidung tragen, schafft ein kraftvolles Bild von Ordnung.

Die in einem Orden geschaffene Ordnung wird noch durch die Tatsache verstärkt - zumindest gilt das für die Vergangenheit - dass es eine gemeinsame Kultur gab, die sein Leben und Wirken untermauerte. Die meisten Orden waren in der Vergangenheit oder in ihren Anfängen gewöhnlich mono-kulturell. Somit war ein Einverständnis über solche Dinge wie „Gemeinschaft“, „Stillschweigen“, „Gebet“, „Armut“, „Gehorsam“ und „Keuschheit“ gegeben. Der Unterbau der Mono-Kulturalität garantierte Regelmäßigkeit, Einheitlichkeit und Ordnung.

1.2 Unordnung in einem Orden

(a) Multi-kulturelle Mitgliedschaft

Die Ordnung in einem Orden ist bedroht, wenn er multi-kulturell wird. Wenn Multi-Kulturalität die Mono-Kulturalität als Unterbau eines Ordens ersetzt, beginnen Einheitlichkeit und Ordnung in Gefahr zu geraten. Eine gewisse Art von „Unordnung“ ersetzt die Ordnung, und in einem gewissen Sinn wird der „Orden“ zu einem „Un-Orden“, zur „Un-Ordnung“. An dieser Stelle allerdings müssen wir zwei Momente beachten.

Das erste Moment, welches weithin mit der Zeit vor dem 2. Vatikanum zusammenfällt, birgt das Phänomen in sich, dass Orden - wie die SVD und SSpS - schon früh in der Geschichte ihrer Kongregation eine internationale Mitgliedschaft aufweisen. In dieser frühen Phase allerdings hat man der Besonderheit der Kulturen der Mitglieder aus anderen Ländern oder Kontinenten wenig Beachtung geschenkt. Stattdessen bestand die unbewusste Tendenz zu erwarten, dass alle Mitglieder lernen, sich der vorherrschenden Kultur der Kongregation anzupassen, in dem Fall gewöhnlich der europäischen. In der Tat, normalerweise wurde das Ausbildungsprogramm der „Mutterprovinz“ in Europa weithin in die „Missionsprovinzen“ übernommen und in Amerika, Asien, Afrika und Ozeanien kopiert. Was in der SVD in Europa getan wurde (d.h. in Steyl oder in St. Gabriel) wurde großteils in Argentinien, den Vereinigten Staaten, Brasilien, Indien, Indonesien und auf den Philippinen nachgemacht. Wenn auch die Ordensgemeinschaft in Amerika, Asien und Afrika präsent war, war sie das doch überwiegend als europäische. Wie ein Beobachter bemerkte: Die SVD, wie viele andere Institute, war international was die Geographie angeht, aber euro-zentrisch in Kultur und Ausbildung. Ob man das Noviziat in Japan oder Chile machte, bedeutete keinen großen Unterschied. Theologie in Buenos Aires oder Bombay zu studieren, war ziemlich dasselbe. Man studierte dieselben Fächer und zog dieselben Autoren zu Rate.

Die Gebete folgten denselben sogenannten „universalen“ Methoden, und die selben Normen des Ordenslebens galten überall, d.h. jene der post-tridentinischen katholischen Tradition.4

Zu der Zeit herrschte eher eine gewisse zentralisierte Einheitlichkeit als echte Multi-Kulturalität. Obwohl Uniformität der Kongregation ein starkes Gefühl der Einheit gab, berücksichtigte sie nicht den besonderen Reichtum jeder einzelnen Kultur. Basierend auf der vorherrschenden Kultur der Kongregation, wurde nur eine Art von SVD geschaffen und offensichtlich auch nur eine Art, das Ordensleben zu führen und die missionarische Arbeit zu tun. In diesem Entwicklungsstadium hatte man tatsächlich den Eindruck, um ein Mitglied der SVD zu sein, müsste man aufgeben, ein Indonesier, Japaner, Brasilianer oder Afrikaner zu sein. Das schuf keine „Unordnung“ - zumindest nicht in der Kongregation als solcher, obwohl „Unordnung“ in den Herzen und Köpfen der Mitglieder aus anderen Kulturen entstanden sein mag. In der Tat, Ordnung wurde aufrecht erhalten, indem sie einfach ausgeweitet und an andere Orte verpflanzt wurde.

Das zweite Moment trat mit dem 2. Vatikanum ein und mit seiner positiven Bewertung der Kulturen der Völker. Die Theologie fing an, über Inkulturation und den Aufbau der Lokalkirche zu sprechen. Es gab nicht mehr nur eine Art und Weise, Kirche oder Christ in der Welt zu sein. Es gibt so viele Weisen, wie es Kulturen gibt. In ähnlicher Weise begann sich in der SVD die Einsicht zu entfalten, dass es nicht nur eine Art und Weise gibt, ein Mitglied der SVD zu sein, und dass das Charisma des Stifters verschiedenen Ausdruck in den mannigfaltigen Kulturen der Völker finden kann.

Wie das Evangelium konnte das ursprüngliche Charisma der Gesellschaft nicht nur bereichern, sondern durch die Kulturen auch bereichert werden, in denen es sich inkarniert. Das führte zur Einsicht, dass die Gesellschaft nicht von Mitgliedern aus verschiedenen Nationalitäten bevölkert ist, die alle die eine „SVD-Kultur“ annehmen, sondern von Mitgliedern aus verschiedenen Nationalitäten, die den Reichtum ihrer kulturellen Vielfalt einbringen. Schrittweise wurde die Kongregation nicht nur die Heimat einer Kultur, sondern der Ort des Wechselspiels verschiedener Kulturen.

Das schafft nun doch eine gewisse „Unordnung“ im Orden.

  • Ich sprach einmal mit einer europäischen Formatorin von Schwestern, die in einem bestimmten afrikanischen Land eingesetzt ist. Sie beklagte sich, wie schwer es sei, den Novizinnen den Wert des Stillschweigens zu vermitteln. Es ist für sie mühsam, erzählte die Meisterin, das „magnum silentium“ (große Stillschweigen von 22.00 bis 7.00 Uhr früh) zu halten. Wenn einer von ihnen eine Idee kommt, oder sie hört etwas Neues oder erhält eine Mitteilung, läuft sie zu den anderen Schwestern, um ihre Idee, die Neuigkeit oder die Information weiterzugeben - sogar während des großen Stillschweigens bei Nacht. Sie können nicht bis zum Morgen des nächsten Tages warten, um ihre Geschichte zu erzählen.
  • Werfen wir einen Blick auf den Speisesaal der Kommunität. Wo es früher nur Brot, Teiggerichte und Wein gab, tauchen jetzt Reis und Fisch und alle Arten von Gewürzen auf - wegen der Präsenz von Asiaten oder Afrikanern. (Allerdings, mit der Zeit finden auch einige Europäer Geschmack an den aromatischen Zutaten.) Oder in der Liturgie, da finden wir nicht nur die feierliche Orgelmusik, sondern auch „laute“ Gitarren, Trommeln und andere Schlaginstrumente. Oder bei der Kleidung, da herrschen nicht mehr die Schwarz- und Grautöne und das Weiß vor, sondern farbenfrohe Hemden aus Afrika und bunter Batik aus Indonesien.
  • Schließlich, vielleicht wichtiger, ist das verschiedene Verständnis der Elemente des Ordenslebens. Was heißt freiwillige Armut, wenn jemand gezwungen war, sein ganzes Leben in Armut zu verbringen? Was bedeutet Armut, wenn jemand mehr Geld oder Komfort in der Ordensgemeinschaft als in seiner Familie im Dorf hat? Was ist der Sinn von Gehorsam für jemanden, der einer Kultur angehört, wo letzten Endes niemand auf eigene Faust entscheidet?

So nochmals, Unordnung im Orden. Der springende Punkt ist, dass eine multi-kulturelle Mitgliedschaft Unordnung im Orden schafft, oder wenigstens die normale Ordnung beeinträchtigt.

(b) Multi-direktionale Mission

Da gibt es noch ein anderes Phänomen, - eng verwandt mit der Multi-Kulturalität - das Unordnung in einem Orden schafft, besonders in den Missionskongregationen. In der Vergangenheit sind Missionare aus dem christlichen Europa in die übrige (heidnische) Welt Amerikas, Asiens und Ozeaniens gegangen. Christliche Mission meinte den weißen Missionar, der in ferne Länder reiste und unter den Einheimischen lebte - meist Menschen mit schwarzer, brauner, gelber oder roter Hautfarbe. Diese Missionare behaupteten zwar, die Frohbotschaft Jesu zu bringen, hatten aber unbewusst auch die vermeintlich überlegene Kultur in ihrem Gepäck, abgestützt durch fortschrittliche Wissenschaft und hochentwickelte Technologie. In einer gewissen Periode der christlichen Mission hingen die Missionare an den Rockschößen der Kolonisatoren, so dass es oft schwer war, zwischen missionarischer Aktivität und kolonialer Herrschaft zu unterscheiden. Zu dieser Zeit war Mission also eine „ordnungsgemäße“ Einbahn-Bewegung von Westen nach Osten, von Norden nach Süden oder vom Zentrum zur Peripherie.

In den jüngsten Jahren allerdings wurde diese „Ordnung“ gestört. Heutzutage haben die meisten Missionare vieler Missionskongregationen ihren Ursprung nicht mehr in Europa, sondern in Asien, Afrika und Lateinamerika. Das trifft sicher auf die SVD und SSpS zu. In der SVD hat dieser Umschwung sehr massiv etwa zu Beginn der 1980er Jahre eingesetzt. Da begannen die vormals Missionare „empfangenden“ Provinzen, regelmäßig Missionare in andere Teile der Welt auszusenden. Das wurde noch verstärkt durch den in der SVD bekannten „Konsens von Roscommon“. Damit ist die Stellungnahme der Provinziale der Zone Europa gemeint, die 1990 in Roscommon (Irland) versammelt waren und das säkularisierte Europa zum „Missionsterritorium“ erklärten - analog zu missionarischen Situationen in Afrika, Asien und Lateinamerika. Somit wurde dem Gefühl Ausdruck gegeben, dass Europa auch das Recht hat, Missionare von woanders zu erbitten und zu empfangen.

Zu diesem Zeitpunkt haben wir über 600 asiatische SVD-Missionare, die außerhalb ihres Landes in Europa, den USA, Lateinamerika, Afrika, Ozeanien und anderen Teilen Asiens arbeiten. Ähnlicherweise, aber im kleineren Maßstab, arbeiten etwa 50 afrikanische SVD-Missionare außerhalb Afrikas und etwa dieselbe Anzahl lateinamerikanische SVD-Missionare außerhalb Lateinamerikas. Man sollte bedenken, dass das nicht nur eine Frage der manchmal sogenannten „umgekehrten Mission“ ist, d.h., Missionare aus den früheren Missionsgebieten gehen als Missionare nach Europa. Denn Missionare aus dem Süden gehen als Missionare nach Asien, Afrika und Lateinamerika. Deshalb sprechen wir heute auch von einer „Süden nach Süden“ Mission, in Kontrast zu der früheren Situation, als Mission weithin ein „Norden nach Süden“ Phänomen war.

Es ist also aus der „ordentlichen“ Einbahn-Bewegung der Mission von Norden nach Süden - wie es scheint - eine „unordentliche“ multi-direktionale oder sogar eine „chaotische“ Bewegung aus allen Richtungen und in alle Richtungen geworden - Süd nach Nord, Süd nach Süd, Ost nach West, Ost nach Ost, Peripherie zu Zentrum, Peripherie zu Peripherie. Mit anderen Worten, die Kirche ist nicht mehr ordentlich aufgeteilt in die „missionarische Kirche“ hier und die „Missionskirchen“ dort. Gerade so wie die Welt nicht mehr ordentlich aufgeteilt ist in das Zentrum des Glaubens und in die Peripherie des Unglaubens, mit dem „Volk Gottes“ hier und den „gentes“ (oder den „heidnischen“ Nationen) dort. Denn heute gibt es auch „gentes“ hier und „Volk Gottes“ dort. Heute sprechen wir von der Mission auf allen fünf Kontinenten. Mission ist multi-direktional geworden - eine Bewegung aus allen Richtungen und in alle Richtungen.

Das schafft „Unordnung“ in einem missionarischen Orden.

  • Einmal tauschte ich mich mit einem anderen Generalsuperior über die Internationalität der SVD aus. Ich erzählte ihm, dass wir wegen unserer Internationalität solche Fallbeispiele hätten: Ein OTP-Praktikant aus Fiji in Rumänien, ein Neupriester aus Vanatu in Kuba und ein indonesischer Mitbruder in Sibirien. Er antwortete: „Das ist interessant“. Was, dachte ich, seine höfliche Art war zu sagen: „Das ist seltsam! Welche Verbindung hat ein Fijianer mit Rumänien, oder ein Vanatuaner mit Kuba und der Indonesier mit Sibirien?“ Dann sagte er: „Erzähl mir mehr über den Indonesier in Sibirien. Was macht er dort? Wie überlebt er die Kälte?“
  • Bei einer anderen Gelegenheit hatte ich die Möglichkeit, unsere Pfarrei in Orixímina in der Region Amazonien in Brasilien zu besuchen. Dort liegt auf dem Friedhof der Stadt ein junger indischer Mitbruder begraben. Dieser junge Mitbruder war nach Amazonien gekommen, um sein OTP-Praktikum zu machen. Bald nach seiner Ankunft ertrank er beim Baden im Fluss. Als ich da stand und für den jungen Mitbruder betete, dachte ich mir, wie „einsam“ sein Grab erschien. Er ist höchstwahrscheinlich der einzige Inder, und bis jetzt der einzige Mitbruder SVD, der auf diesem Friedhof begraben liegt. Seine Familie und seine Verwandten leben so weit entfernt in Indien. Keiner von ihnen wird wahrscheinlich jemals sein Grab besuchen. Da stieg in mir die Frage auf - eine Frage, die mir sooft bei Treffen von Generalsuperioren gestellt wird - warum sollen wir Missionare von nicht-christlichen Ländern in ein katholisches Land in Lateinamerika schicken? Sollten sie nicht vielmehr in ihren eigenen Ländern bleiben und dort die „gentes“ missionieren?
  • Bedenken wir den Wandel des Bildes von einem Missionar: In der Vergangenheit kamen die westlichen Missionare Seite an Seite mit den Kolonisatoren; die Missionare von heute aus Asien, Afrika und Lateinamerika kommen an der Seite der arbeitssuchenden Migranten. Die westlichen Missionare kamen einst um zu geben. Heute werden Missionare aus der Dritten Welt, zusammen mit den Migranten, als solche angeschaut, die zum Nehmen kommen. Früher kamen westliche Missionare mit Schiffscontainern angestopft mit Sachen zum Hergeben. Heute kommen Missionare aus der Dritten Welt mit leeren Händen, die im materiellen Sinn nichts anzubieten haben. So ist eine Mission aus dem Überfluss (wenn schon nicht dem des Missionars, so doch wenigstens dem seines Landes) zu einer Mission aus der Armut (sicherlich der des Missionars wie auch der seines Landes) geworden.

Nochmals, es kommt Unordnung in einen missionarischen Orden. Multi-direktionale Mission schafft Unordnung in der Mission oder stört zumindest die normale Ordnung.

2. Weisheit aus der Unordnung

Was können wir also aus der Unordnung in einem Orden lernen, die durch eine multi-kulturelle Mitgliedschaft und eine multi-direktionale Mission verursacht ist? Lassen Sie mich den zweiten Schritt in diesem Referat machen und über die „Weisheit aus der Unordnung“ reflektieren.

Ich glaube, Unordnung hilft uns realisieren, dass die Dinge nicht so sein müssen, wie sie sind, dass sie verschieden sein können, dass eine Neu-Ordnung der Dinge möglich ist. Unordnung erlaubt uns, uns von dem stagnierenden Gewicht der Art und Weise, wie Dinge sind, zu befreien und gibt den Blick frei auf neue Möglichkeiten, die in der gegenwärtigen Ordnung der Dinge verborgen sind und darauf warten, vollends hervorzutreten. Unordnung gibt uns eine Ahnung davon, dass es so etwas wie „einen neuen Himmel und eine neue Erde gibt“.

Deshalb ist Weisheit in der Unordnung, von der wir vieles lernen können. Erlauben Sie mir nur drei grundlegende Dinge zu unterstreichen, über Gott, das Ordensleben und die Mission, d.h. die Narrheit der göttlichen Liebe, des geweihten Lebens und der interkulturellen Mission.

2.1. Gott: Die Narrheit der sich selbst-verschwendenden Liebe

Die ersten Verse von Genesis erzählen, wie Gott die Welt erschaffen hat. Der Geist Gottes schwebte über der formlosen Leere und Ordnung wurde aus Unordnung geschaffen, Kosmos aus Chaos. Für die ersten Menschen allerdings war diese Ordnung nicht gut genug. Sie wollten selbst Götter sein und ihre eigene Ordnung schaffen. Sie bauten den Turm von Babel und errichteten ihn als die Ordnung der Welt. Seitdem ist die Welt eine einzige große Unordnung und ein Durcheinander. Gottes Heilsplan aber ist es, diese Un-Ordnung zu untergraben und die ursprüngliche Ordnung wiederherzustellen, die er durch sein Wort geschaffen hat.

Dass Menschen wie Gott sein wollen, ist der Gipfel der Überheblichkeit. In den Psalmen spottet Gott ihrer und all jener, die sich selbst für wichtig und mächtig halten. Ps 2 sagt: „Die Könige der Erde stehen auf, die Großen haben sich verbündet gegen den Herrn und seinen Gesalbten. «Lasst uns ihre Fesseln zerreißen und von uns werfen ihre Stricke!» Doch er, der im Himmel thront, lacht, der Herr verspottet sie. Dann aber spricht er zu ihnen im Zorn, in seinem Grimm wird er sie erschrecken: «Ich selber habe meinen König eingesetzt auf Zion, meinem heiligen Berg»“ (Ps 2,2-4).

Um dem Verlangen der Menschen, Gott zu sein, entgegenzutreten, ist Gott selbst in Jesus Christus Mensch geworden, als ob er sagen wollte, dass der Weg zum Heil nicht durch Kraft und Macht und Reichtum führt, die man normalerweise mit dem Gott-Sein verbindet, sondern durch Demut, Niedrigkeit und Armut, die grundlegenden Charakteristika des Mensch-Seins. Indem er das getan hat, legte Gott erneut fest, was Gott-Sein bedeutet - nicht die Fülle von Kraft und Macht, sondern sich selbst-verschwendende Liebe (Phil 2,6-8).

Deshalb offenbart sich Gott nicht „den Weisen und Gelehrten sondern den Kindern“ (Mt 11,25). Wahrhaftig, „das Törichte in der Welt hat Gott erwählt, um die Weisen zuschanden zu machen, und das Schwache in der Welt hat Gott erwählt, um das Starke zuschanden zu machen. Und das Niedrige in der Welt und das Verachtete hat Gott erwählt: das, was nichts ist, um das, was etwas ist, zu vernichten. Denn das Törichte an Gott ist weiser als die Menschen und das Schwache an Gott ist stärker als die Menschen“ (1 Kor 1,27-28.25).

Er hat gewählt, von einer jungen Frau - arm, ungeschult und politisch bedeutungslos - geboren zu werden. Aber durch sie „zerstreut er, die im Herzen voll Hochmut sind; er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen. Die Hungernden beschenkt er mit seinen Gaben und lässt die Reichen leer ausgehen“ (Lk 1,51-53).

Zu denen, die seine Jünger sein wollen, sagt er: „Wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt und mir nachfolgt, ist meiner nicht würdig. Wer das Leben gewinnen will, wird es verlieren; wer aber das Leben um meinetwillen verliert, wird es gewinnen“ (Mt 10,38-39). Jene, die wahrhaft glücklich sind, sind nicht die Mächtigen und Reichen, sondern die Armen, Sanftmütigen, Barmherzigen, Friedensstifter und jene, mit einem reinen Herzen und die um der Gerechtigkeit willen Verfolgten (Mt 5,3-10). Zudem werden nur jene, die wie kleine Kinder werden, in sein Reich eintreten (Mt 18,3). Denn jener, „der sich selbst erhöht, wird gedemütigt werden, und jener der demütig ist, wird erhöht werden“ (Lk 18, 14).

Im Laufe der Zeit wurde er für die Mächte dieser Welt eine Bedrohung. Er musste aus dieser Welt eliminiert werden, damit er die gegenwärtige Ordnung der Dinge nicht unterminiert. Der Messias am Kreuz ist die ultimative Inkongruenz der Heilsgeschichte. Aber er ist auch der endgültige Akt der sich selbst-verschwendenden Liebe. Mit Gott daran angenagelt, wird das Kreuz von einem Symbol der Schande und der Strafe in ein Zeichen der Rettung und der Hoffnung verwandelt.

Treffend sagt es der hl. Paulus: „Denn das Wort vom Kreuz ist denen, die verloren gehen, Torheit; uns aber, die gerettet werden, ist es Gottes Kraft. ... Die Juden fordern Zeichen, die Griechen suchen Weisheit. Wir dagegen verkündigen Christus als den Gekreuzigten: für Juden ein empörendes Ärgernis, für Heiden eine Torheit, für die Berufenen aber, Juden wie Griechen, Christus, Gottes Kraft und Gottes Weisheit.
Denn das Törichte an Gott ist weiser als die Menschen und das Schwache an Gott ist stärker als die Menschen“ (1 Kor 1,18.22-25).

2.2 Ordensleben: Die Narrheit der Hingabe mit dem ganzen Herzen

Der klassischen Ekklesiologie gemäß, gehört das geweihte Leben nicht zur „hierarchischen Ordnung“ der Kirche, also nicht zu Papst, Bischöfen, Priestern und den Laien. Wie wir wissen können beide, Kleriker und Laien Teil des geweihten Lebens sein. Die Ordensleute bilden nicht eine andere „Ordnung“ in der Hierarchie der Kirche zwischen dem ordinierten Klerus und den nicht-ordinierten Laien. Vielmehr gehört das geweihte Leben zur sogenannten „charismatischen“ Struktur der Kirche.

„Charismatische Struktur“ ist eigentlich eine Fehlbezeichnung, ein Widerspruch in sich, da sich Charismen gewöhnlich einer Struktur und dem Eingeordnet-Sein entziehen. Nach dem hl. Paulus in 1 Kor 12 sind Charismen verschiedene Gnadengaben, die der Geist frei zuteilt, um die Kirche aufzubauen. Charismen schließen Spontaneität, Mannigfaltigkeit und Unterschiedlichkeit ein. Diese Unterschiedlichkeit ist für die Kirche als der Leib Christi wesentlich. Der hl. Paulus sagt: „Auch der Leib besteht nicht nur aus einem Glied, sondern aus vielen Gliedern (1 Kor 12,14); wären alle zusammen nur ein Glied, wo bliebe dann der Leib?“ (V 19). In diesem Zusammenhang können wir von den verschiedenen Formen des Ordenslebens sprechen, das den verschiedenen Charismen des Geistes Gestalt gibt. Durch die Gründer von Ordensgemeinschaften werden die Gaben des Geistes in Antwort auf die Nöte der Kirche geweckt.

In 1 Kor 13 allerdings zeigt der hl. Paulus, „einen anderen Weg, einen, der alles übersteigt“, nämlich das Charisma der Liebe. Die Liebe hört nicht auf. Die Gabe der Prophetie, der Zungenrede und der Erkenntnis wird vergehen. Am Ende werden Glaube, Hoffnung und Liebe bleiben, und am größten unter ihnen ist die Liebe. Dieses höchste aller Charismen bildet auch das Fundament für das Ordensleben. Die Weihe im Ordensleben meint eine Weihe seines ganzen Selbst an Gott. In den Worten des Deuteronomiums (Dtn 6,5) beinhaltet diese Weihe, „Gott zu lieben mit deinem ganzen Herzen, mit deiner ganzen Seele und mit deiner ganzen Kraft“. Das kommt in den drei Ordensgelübden zum Ausdruck - der Keuschheit (Gott mit ganzem Herzen lieben), dem Gehorsam (Gott mit ganzer Seele oder ganzem Verstand zu lieben) und der Armut (Gott mit ganzer Kraft zu lieben).

Das Ordensleben bedeutet deshalb eine radikale Nachfolge Jesu, des menschgewordenen Sohnes Gottes - keusch, arm und gehorsam. In dieser Nachfolge macht die geweihte Person Gott zu ihrem wahren Reichtum, ihrer einzigen Liebe und ihrer echten Freiheit. Sie verpflichtet sich, in dieser gegenwärtigen Zeit nach den Werten des künftigen Reiches Gottes zu leben. So erbringt sie ein kulturkritisches Zeugnis, indem sie verkündet, dass das Reich Gottes den Umsturz der gegenwärtigen Weltordnung einschließt. Deshalb finden wir in den evangelischen Räten eine prophetische Dimension, denn Armut, Keuschheit und Gehorsam erscheinen fehl am Platz in einer Welt, die Wert legt auf Macht und Besitz, auf das Bedürfnis von exklusiver Intimität und auf die Freiheit, sein eigenes Leben zu regeln.

Aus der Perspektive der Welt erscheinen geweihte Personen als „Narren um Christi willen“.

Der hl. Paulus schreibt: „Wir sind zum Schauspiel geworden für die Welt, für Engel und Menschen. Wir stehen als Toren da um Christi willen. Wir sind sozusagen der Abschaum der Welt geworden, verstoßen von allen bis heute“ (1 Kor 4,9-10.13).

Zum Ordensleben gehört deshalb, was wir einen „ destabilisierenden Faktor“ nennen könnten - oder eine Belastbarkeit durch Unordnung. So sollte einem Orden Unordnung niemals fremd sein. Nur wenn sie einen solchen Charakterzug bewahren, werden Ordensleute fähig sein, für die eschatologische Ordnung des Reiches Gottes Zeugnis zu geben.

2.3 Mission: Die Narrheit des interkulturellen Zeugnisses

In der Tradition ist die biblische Basis für die missionarische Aktivität der Kirche Mt 28,19-20: „Darum geht zu allen Völkern und macht alle Menschen zu meinen Jüngern“. Die Missionsaufgabe der Kirche gründet auf der Überzeugung der universalen Bedeutung von Jesus Christus. Diese Überzeugung beinhaltet, dass die Frohbotschaft von Jesus eine gute Nachricht ist, nicht nur für seine ursprünglichen Zuhörer in der mediterranen Welt oder in Europa, wo das Christentum groß wurde und sich rasch ausbreitete, sondern auch für Menschen anderer Zeiten und Orte, anderer Generationen und Kulturen. Die Verkündigung des Evangeliums quer durch alle Kulturen ist deshalb ein christlicher Imperativ. In diesem Sinn, ist Mission seiner Natur nach kulturübergreifend.

Missionare in Vergangenheit und Gegenwart wurden durch ihre persönliche Erfahrung des Evangeliums Jesu als einer frohen Botschaft angefeuert. Deshalb lassen sie das Vertraute (Zuhause, Land, Kultur) zurück und brechen ins Unbekannte auf, um diese frohe Botschaft mit anderen Menschen zu teilen. In dem Ganzen lag eine gewisse Verrücktheit, eine besondere Tollkühnheit. Denn es gab da niemals eine Sicherheit, dass sie willkommen wären und ihre Botschaft angenommen würde. In der Tat, in vielen Fällen waren Missionare nicht willkommen und ihre Botschaft wurde zurückgewiesen, wobei sie unsägliches Leid und Ungemach durchmachten und sogar den Tod erlitten.

In manchen Fällen wurden Missionare als Eindringlinge und Kolonisatoren, als Betrüger und Seelenräuber angesehen. Aber in vielen Fällen wurden Missionare als echte Freunde und Wohltäter aufgenommen, als geachtete Lehrer und Seelsorger, vertrauenswürdige Hirten und spirituelle Begleiter.

Der hl. Franz Xaver, einer der Patrone der Mission, schrieb einmal:
Sehr viele hier draußen verfehlen es, Christen zu werden, einfach deswegen, weil da niemand ist, der sie zu Christen macht. Ich hatte sehr oft mit der Vorstellung gespielt, die Runde durch die Universitäten Europas zu machen, besonders durch jene von Paris, und überall laut wie ein Irrer herumzuschreien und diese Leute, die mehr Lehrweisheit als Liebe haben, mit diesen Worten wie mit einem Knüppel zu schlagen: „Ach, welch immense Anzahl von Seelen werden durch eure Schuld vom Himmel ausgeschlossen und hinunter in die Hölle gestoßen!“5

Wir mögen unsere Vorbehalte bezüglich der theologischen Ansichten hinter dieser Aussage haben, aber sie spielt auf eine gewisse Verrücktheit in der kulturübergreifenden Mission an.

Die neuere theologische Reflexion hat noch viel kräftiger den kulturübergreifenden Charakter der Mission unterstrichen. Auf der Linie der theologischen Vision des 2. Vatikanums wird das Fundament der Mission im Dialog der Liebe gesehen, der im Herzen der Dreifaltigkeit stattfindet. Dieser innere Dialog zwischen Vater, Sohn und Heiligem Geist fließt über in die Welt - durch die Mission des Wortes und die Sendung des Geistes. Die Fleischwerdung des Sohnes Gottes schließt ein Hinübergehen (passing over) vom Bereich der Gottheit zur Welt der Menschheit ein, eine Grenzüberschreitung, nicht nur zwischen zwei verschiedenen Kulturen, sondern zwischen verschiedenen Welten. Die göttliche Liebe blieb nicht innerhalb der Gottheit. Sie schritt hinüber zu dem, was verschieden von ihr war. Dieses Hinübergehen in einen anderen Bereich, diese Grenzüberschreitung, ist eine Bekundung des Geschenkcharakters der Liebe Gottes.

Dieser Geschenkcharakter wird durch kulturübergreifende Mission klar herausgestellt. In der Tat, wenn Mission auf die eigene Kultur und Welt beschränkt bliebe, ginge etwas Wesentliches an der Mission verloren. Wenn Missionare nur in ihrer eigenen Kultur oder in ihrem Heimatland arbeiteten, könnte man vermuten, dass sie durch die menschlichen Bande, die sie mit ihren eigenen Leuten zusammenschließen, motiviert sind. Aber, in einer anderen Kultur oder einem anderen Land zu arbeiten? Keine menschlichen Bindungen könnten das erklären, sondern nur die Erfahrung der Schönheit des Evangeliums, das verkündet: Gott ist die Liebe. Ein Missionar hat es einmal in seinen Memoiren so ausgedrückt: „Wie kam es, dass ich den Nachtgrillen zuhören und durch Sümpfe im afrikanischen Urwald waten sollte, um einem sterbenden Menschen zu helfen, den ich nie gekannt hatte?“6

Keine menschlichen Bande können das erklären, nur das Evangelium Jesu. Caritas Christi urget nos. Die Liebe Christi drängt uns. Das ist die Narrheit der kulturübergreifenden Mission.

3. Bilden von inter-kulturellen Kommunitäten

Lassen Sie mich jetzt zum dritten Schritt in diesem Referat kommen und einige Ideen über das Bilden von interkulturellen Kommunitäten präsentieren. Da möchte ich mich auf drei kurze Punkte beschränken.

3.1 Theologisches Motiv

Zuallererst soll klar sein, dass wir internationale oder interkulturelle Kommunitäten mit einer theologischen Absicht bilden, das heißt, wir wollen ein Zeugnis für die Einheit und Vielfältigkeit des Reiches Gottes ablegen. Wir bilden internationale oder interkulturelle Kommunitäten nicht einfach, weil wir das so gern tun, oder weil es angenehm ist - tatsächlich, ziemlich oft ist es nicht angenehm - oder weil wir die Vereinten Nationen nachahmen wollen. Auch bilden wir keine internationalen oder interkulturellen Kommunitäten, weil wir gezwungen sind, Mitglieder aus anderen Kontinenten aufgrund des Mangels an Berufungen im Westen aufzunehmen. Vielmehr bilden wir internationale oder interkulturelle Kommunitäten, weil wir berufen sind, Folgendes zu bezeugen: Die Universalität des Reiches Gottes und seine Offenheit für Vielfältigkeit. Dieses Zeugnis ist besonders dringlich - in einem Kontext von Globalisierung, der einerseits dahin tendiert auszuschließen, und andererseits, alle Unterschiede auszumerzen. Angesichts dieser Tatsache besteht heute die besondere Notwendigkeit zu bezeugen, dass Gottes Reich ein Reich der Liebe ist, das absolut alle einschließt und zugleich für die Besonderheit jeder Person und jeden Volkes offen bleibt.

3.2. Internationale Gemeinschaft

Zweitens folgt aus dem ersten Punkt, dass internationale oder interkulturelle Kommunitäten beabsichtigte Kommunitäten sein müssen. Mit anderen Worten, es ist wesentlich, dass die Mitglieder bewusst die Absicht haben, eine internationale oder interkulturelle Kommunität mit einer bestimmten Zielsetzung zu bilden. Jedes Mitglied muss überzeugt sein, dass Internationalität oder Interkulturalität ein Ideal ist, das man anstrebt, oder ein Wert, den man fördert. Internationale oder interkulturelle Kommunitäten kommen nicht durch Zufall zustande oder indem man Leute verschiedener Nationalität oder Kultur einfach unter demselben Dach zusammensteckt. Vielmehr, echte internationale oder interkulturelle Kommunitäten müssen bewusst geschaffen, absichtlich gefördert, sorgsam betreut und aufmerksam gepflegt werden. Sie erfordern einige grundlegende persönliche Haltungen, gewisse gemeinschaftliche Strukturen und eine besondere Spiritualität. Folglich brauchen die Mitglieder ein spezifisches Formationsprogramm, sowohl für die Grundausbildung als auch für die Weiterbildung, das sie darauf vorbereitet, fruchtbringend und sinnvoll in internationalen oder interkulturellen Kommunitäten zu leben.

3.3. Wechselspiel zwischen Kulturen

Drittens meine ich, unser Ideal ist nicht nur eine Kommunität, zusammengesetzt von Leuten aus verschiedenen Nationalitäten - das beschreiben wir normalerweise mit dem Begriff „Internationalität“. Auch ist es nicht einfach eine Kommunität, in der Leute aus verschiedenen Kulturen oder Nationalitäten Seite an Seite miteinander ko-existieren können - das wird mit dem Begriff „Multikulturalität“ bezeichnet. Unser Ideal ist eine Kommunität, in der die verschiedenen Kulturen der Mitglieder miteinander interagieren und sich dabei gegenseitig zum Wohl der einzelnen Mitglieder und der Kommunität als ganzer bereichern - das wird mit dem Begriff „Interkulturalität“ benannt.

Eine echte interkulturelle Kommunität ist durch drei Dinge7 charakterisiert, nämlich:
(1) Die Anerkennung anderer Kulturen (d.h., es ermöglichen, dass die Minoritätskulturen in der Kommunität sichtbar werden), (2) Respekt für kulturelle Verschiedenheit (d.h., jeden Versuch vermeiden, die kulturellen Verschiedenheiten einzuebnen und die Minoritätskultur in die vorherrschende Kultur zu subsumieren) und (3) die Förderung eines gesunden Wechselspiels zwischen den Kulturen (d.h., bewusst ein Klima zu schaffen, in dem jede Kultur zulässt, dass sie durch die andere verwandelt oder bereichert wird). Auf diese Weise wird eine interkulturelle Kommunität wirklich eine sein, zu der sich die Mitglieder aus verschiedenen Kulturen zugehörig fühlen.

Zum Schluss können wir vielleicht die Kulturen mit den Charismen vergleichen, über die der hl. Paulus in 1 Kor 12 spricht.

Indem wir Paulus paraphrasieren, können wir sagen:
Die genuine missionarische Ordensgemeinschaft ist nicht eine einzige Kultur sondern viele. Wenn sie in allem eine Kultur wäre, wo wäre die Kommunität? Aber es ist so, dass da viele Kulturen sind, jedoch eine Kommunität. In der Tat, die Kulturen, welche schwächer scheinen, sind umso notwendiger, und jene Kulturen, die wir als weniger achtenswert betrachten, umgeben wir mit größerer Ehre, und sie werden mit größerem Entgegenkommen behandelt, während die eher beeindruckenden Kulturen das nicht brauchen. Aber Gott hat die Kommunität so zusammengefügt, dass größere Ehre jener Kultur zukommt, die ohne sie zu sein scheint. Wenn eine Kultur leidet, leiden all die anderen mit ihr; wenn eine Kultur zu Ehren kommt, haben die anderen Anteil an ihrer Freude (vgl. 1 Kor 12,14-26).

4. Abschluss

Lassen Sie mich mit einem Wort über die Heiligen schließen, zu deren Gedächtnis wir dieses Symposion abhalten, den hl. Arnold Janssen, unseren Stifter, und den hl. Josef Freinademetz, unseren Pioniermissionar in China. Zwei Männer, die jetzt Heilige sind, weil sie um Christi Willen Narren waren.

1905, als Arnold Janssen vor der Entscheidung stand, die Missionsarbeit unter den Afro-Amerikanern in den Vereinigten Staaten zu beginnen oder nicht, schrieb er:
„Es geht ja manchmal so, daß etwas doch gelingt, obwohl es von der großen Mehrzahl als hoffnungslos bezeichnet wurde. Wir haben hier in Steyl selbst die Erfahrung davon gemacht. Ich wurde damals für überspannt und für fast verrückt gehalten, und dennoch habe ich damals die Hoffnung festgehalten und bin mit Gottes Hilfe zu gutem Erfolge gelangt.“8

Von Josef Freinademetz lesen wir in zwei seiner Briefe aus China das Folgende:
Ich selbst bin auch am Kreuz angenagelt. Wie die Dinge jetzt stehen, wer weiß, ob wir noch am Leben sind, wenn Euch dieser Brief erreicht ... durch die Heiden ist eine große Verfolgung im Gange ... und wenn wir heute dem Tod entkommen sind, wer weiß, ob wir auch morgen entkommen werden ... aber wir setzen unser ganzes Vertrauen auf Gott, der uns sicherlich nicht verlassen wird (1887).9

Im letzten Jahr hatten wir eine große Verfolgung, die vielen Christen das Leben gekostet hat ... Bis jetzt hat uns der Herr immer beschützt. Die Missionsarbeit geht mit der Gnade Gottes weiter (1895).10

In diesen Zitaten spüren wir eine gewisse „Unbeschwertheit“ angesichts der anstehenden wichtigen Entscheidungen oder der ernsten Umstände in der Mission. Sogar ein Anflug von Humor ist darin, der ihr „Sich-Wichtig-Nehmen“ relativiert und bewusst macht, dass Gott es ist, der die Kontrolle hat. Man sagt, das Demut das Fundament des Humors ist,11 denn die Demut vermittelt uns das wahre Gespür für unseren Selbstwert und leitet uns zur Erkenntnis unserer Winzigkeit vor der Größe Gottes. Nur der wahrhaft Demütige kann die Taten Gottes in der Welt als „mirabilia Dei“ - wunderbare Werke Gottes - anerkennen.

Was wir also in diesen Zitaten sehen, ist die Demut beider, Arnolds und Josefs, die ihnen einen Sinn für Humor und ein unerschütterliches Vertrauen in Gott verleiht. Mögen wir von beiden Heiligen lernen, dass wir in der Mission nicht unentbehrlich sind, dass die Mission Gott und nicht uns gehört. Mögen wir weiterhin von ihnen lernen, dass wir nicht die Hauptakteure in der Mission sind, sondern dass wir nur Mitarbeiter sind. Erzbischof Oscar Romero werden folgende Worte zugeschrieben: „Wir sind Arbeiter, nicht Baumeister; Diener, nicht Messiasse. Wir sind Propheten einer Zukunft, die uns nicht gehört“. Es mag als eine Narrheit erscheinen, sein ganzes Leben einer solchen Zukunft hinzugeben. Aber, wenn es Gottes Zukunft ist, dann kann es nur eine „heilige Narrheit“ sein.


Fußnoten:

1. „Orden“ sind Institute von Religiosen, deren Mitglieder „feierliche Gelübde“ ablegen, während „Kongregationen“ Institute von Religiosen sind, deren Mitglieder „einfache Gelübde“ ablegen. Diese Terminologie ist typisch für den lateinischen Ritus. Im orientalischen Ritus gibt es eine Unterscheidung zwischen „größeren Gelübden“ und „kleineren Gelübden“. Feierliche Gelübde werden von jenen in unabhängigen Klöstern im lateinischen Ritus und allen monastischen und gewissen nicht-monastischen Instituten im orientalischen Ritus abgelegt. Einfache Gelübde werden von jenen in den Kongregationen im lateinischen Ritus und in den nicht-monastischen Instituten im orientalischen Ritus abgelegt. Einfache Gelübde können ewig oder zeitlich sein. Feierliche Gelübde sind immer ewig. Sie sind Gelübde, die eine versuchte Ehe ungültig machen. (Vgl. L.A. Voegtle, “Religious Profession, Canon Law of” in New Catholic Encyclopedia, Vol. XII (NY: McGraw-Hill Book Company, 1967). Im lateinischen Ritus sind die älteren Institute von Religiosen „Orden“ - gewöhnlich monastische Orden (wie die Benediktiner oder Augustiner, Camaldolenser oder Karthäuser) oder Bettelorden (wie die Franziskaner oder Dominikaner), während die neueren Institute von Religiosen gewöhnlich „Kongregationen“ sind. Glücklicherweise für uns sind diese Unterscheidungen nicht mehr so wichtig wie in der Vergangenheit. In der Tat, sie erscheinen nicht mehr im neuen Codex des Kirchenrechts (1983).

2. Vgl. Webster’s New Collegiate Dictionary (Massachussetts: G.&C. Merriam Company, 1979).

3. Vgl. Webster’s New World Dictionary, Second College Edition (NY: Simon and Schuster, 1986).

4. Carlos Pape, “Esperienza di internazionalità nella Congregazione del Verbo Divino”, Il Verbo nel Mondo 2001-2002, (Steyl: Editrice Steyl, 2002), p. 11.

5. St. Francis Xavier, Bk 4, Letters 4 & 5, in “Office of Readings”, December 3, Divine Office (London: Collins, 1974), p. 12*.

6. Vgl. Thomas O’Shaughnessy, Rest Your Head in Your Hand, quoted by Patrick Noonan, “From Soul Catcher to Adventurer”, Tablet, 21 October 2006, p. 4.

7. Vgl. Robert Schreiter, “Ministry for a Multicultural Church”, (http://www.sedos.org, Articles in English).

8. J. Alt, Arnold Janssen, Lebensweg und Lebenswerk, Analecta SVD - 81, Rom 1999, S.106)

9. Giuseppe Freinademetz, Lettere di un Santo, a cura di Pietro Irsara (Bolzano: Imprexa, Lettera 28, p. 53. Meine Übersetzung.

10. Giuseppe Freinademetz, Lettere di un Santo, Lettera 48, p. 75. Meine Übersetzung.

11. Vgl. Gerald Arbuckle, Refounding and Religious Life, Chapter 3 (Keeping One’s Balance: Humor and Religious Life)