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Der Tod war ganz nahe

Erfahrung eines Steyler Paters bei Erdbeben und Flutwellen in Banda Aceh

Pater Servulus Isaak ist ein Dozent für die Bibelwissenschaft an der Steyler Philosiphischen Hochschule in Ledalero, Flores. Seit August 2004 hat er eine Gastvorlesung an der Philosophisch-Theologischen Hochschule in Sinaksan, Pematang Siantar, Nord Sumatra wahrgenommen. Pater Servulus wurde gebeten, dort ein Semester lang Bibelwissenschaft zu unterrichten, denn die dortige Hochschule hat zu wenig Bibelwissenschaftler. Nach dem Plan sollte er in der dritten Dezember-Woche zurück nach Flores kommen, denn seine Vorlesungsreihe in Nord Sumatra ging schon in der Zeit zu Ende. Aber dann kam aus Banda Aceh, der Hauptstadt der Provinz Aceh, eine dringende Bitte an das Seminar, um dort Weihnachtsaushilfen zu machen. Die Priester im Seminar haben alle aber schon ihren festen Einsatzort. So wurde Pater Servulus gebeten, doch noch eine Woche zu bleiben und nach Banda Aceh zu gehen, um mit den Katholiken dort Weihnachtsgottesdienste zu feiern.

Am 22. Dezember flog er von Medan nach Banda Aceh. Banda Aceh ist eine der zwei katholischen Pfarrein in Aceh. Die zweite Pfarrei wurde von den Steylern geleitet. Die Pfarrei Banda Aceh hat sechs Aussenstationen mit 1.400 Katholiken dort. In Banda Aceh, die Hauptstationen, waren es 400 Katholiken. Das sind auch drei SCMM Schwester. Sie leiten eine Schule.

Nach der Besprechung mit dem Pater Ferdinando Severi, einem Franziskaner-Conventual, fuhr Pater Servulus nach Sabang, eine Aussenstation der Pfarrei Banda Aceh. Es war eine Fahrt mit dem Schiff in einer halben Stunde. Vor dem Gottesdienst war noch Beichtgelegenheit für die Jugendlichen und für die Soldaten, hautpsächlich aus Flores und Timor, welche dort ihren einjährigen Dienst absolvierten. Der nächtliche Weihnachtsgottesdienst war ganz schlicht und einfach, besucht von circa 30 Gläubigen. Für einen Florinesen, noch dazu einen Dozenten vom Priesterseminar, der gewohnt ist mit den gut und lang vorbereiteten Weihnachstgottesdiensten, war dies eine spezielle Erfahrung. Aber gerade diese Einfachheit und Schlichtheit vermittelten ihm eine besondere Botschaft von ersten Weihnachten, wo nichts vorbereitet war.

Am 25. Dezember hat Pater Servulus noch einmal Gottesdienst gefeiert. Es kamen jetzt mehr Leute, denn bei der Gelegenheit wurden auch 12 Kinder und Erwachsene getauft. Darunter war auch eine Frau aus Banda Aceh, Tochter einer streng-gläubigen muslimischen Familie. Sie wurde zusammen mit ihrem Mann und ihren drei Kindern getauft. Nach dem Gottesdienst wurde weiter gefeiert, mit Essen und Tanzen. Am Nachmittag fuhr Pater Servulus wieder zurück, denn nach dem Plan musste er am 26. Dezember in der Hauptstation der Pfarrei Gottesdienst feiern. Der Pfarrer fuhr schon am 25. Dezember nachmittag nach Meulaboh, ca. 240 km sündlich von Banda Aceh.

Der Gottesdienst am Stephanie-Tag war für 8. Uhr geplant. Kurz vor 8 Uhr ging Pater Servulus zur Kirche und sah, dass es noch nicht sehr viele Leute da waren. So sagte er der Gemeinde, die sich noch um die Kirche versammelten, den Gottesdienst auf 8.30 zu verschieben. Der 26. Dezember ist ja ein wichtiger Tag: der zweite Weihnachtstag, der Stephanie-Tag, und dazu in diesem Jahr das Fest der Heiligen Familie. Dann ging Pater Servulus zurück ins Haus. Aber kurz nach 8 Uhr (vielleicht 8.02 Uhr) war ein sehr grosses und langes Erdbeben. Nach Einschätzung von Pater Servulus war fünf bis sechs Minuten lang. Er lief schnell aus dem Haus. Draussen konnte er nicht mehr aufrechtstehen. Dann wurde es ruhig. Die Glaübigen, ungefähr 60 an der Zahl, baten ihn, mit ihnen zu beten. Nach dem Gebet war dann ein viel grösseres aber kurzeres Beben. Es wurde ihm schwindlig.

Beim zweiten Beben hat er gesehen, wie die Wände der Kirche hin und her schwangen. Dann stürzte ein neues Einkausfgebäude vis a vis von der Kirche. Die Kirche stand noch fest. Plötzlich hörte er laute Schreien vom nördlichen Teil der Stadt, dass Flutwellen kommen. Tausende Menschen liefen auf der Strasse. Aus seiner Erfahrung in Flores in Dezember 1992, wusste Pater Servulus, dass nun Tsunami ist. Er sah die Wellen kommen. Der Fluss neben der Kirche stieg hoch. So lief er mit der Familie des Pfarrgemeinderats-Vorsitzenden und Schwester Ferdinanda. Nach ein paar hundert Metern war eine Zweigung. Er fragte die Schwester, welcher Weg fuhr ans Meer. “Die gerade“, antwortete die Schwester. Deshalb nahmen sie den rechten Weg. Aber viele Menschen, in der Panik, nahmen doch den geraden Weg. Vielleicht geshah dies auch aus der Erfahrung, denn vor ein paar Jahren war die Stadt von den Bergen überschwemmt.

Sie kamen dann an einem Krankenhaus, ca. 1, 5 Km vom Zentrum der Stadt, d.h. ca 6 km von der Küste. Es war Sonntag, viele Personal vom Krankenhaus hatten frei. Es waren nur fünf Krankenschwestern da. Das Krankenhaus war gleich überfüllt mit den Verletzten Leuten. Das anwesende Krankenhaus-personal war überfordert. Erst nach ein paar Stunden kam ein Arzt und half.

Kurz darauf kamen schon Lastwagen des Militärs mit den vielen Leichen. Pater Servulus und die Ordensschwester halfen, die Leiche aus den Lastwagen ins Krankenhaus zu tragen. Viele Menschen aber standen hilflos da, fassunglos. Die Leichenhalle des Krankenhaus war schnell überfüllt.

Ungefähr einer Stunde danach hörte er wieder lauten Schrei, dass die Wellen wieder kommen. Viele Menschen liefen wieder in die Höhe, weg vom Krankenhaus. Pater Servulus, die Ordensschwester und die Familie blieben aber stehen. Sie fühlten sich sicher, denn das Krankenhaus ist ja sechs Kilometer von der Küste weg. Da sah er, dass die Wasserkanäle neben der Strasse höher stieg. Nach Pater Servulus, dies ist wahrscheinlich die zweite Welle, die höher war als die erste und vielleicht viel mehr Menschen als Opfer mitschleppte.

Dann wurden sie zum Haus einer befreundeten Familie vom Pfarrgemeinderats-Vorsitzenden eingeladen. Es ist eine muslimische Familie. Sie nahm diese Gäste sehr freundlich auf. Am Nachmittag ging Pater Servulus zur Kirche. Er sah sich die Kirche um. Die Mauer neben der Kirche zum Fluss hin war eingestürtzt. Die Kirche war schwer beschädigt. Es gab viele Risse an den Wänden und an den Säulen. Innraum war der Dachboden eingestützt. Hätte die Gemeinde rechtzeitig den Gottesdienst gefeiert, wären vielleicht welche in der Kirche zum Opfer gefallen. Die Marienstatue und Jesus-statue standen fest auf dem Sockel. Auch die Weihnachtskrippe war unbeschädigt. Das Pfarrhaus stand auch fest, aber es gab auch viele Risse. Die grossen Schränke waren eingestürzt. Das zweistöckige Haus der Schwestern waren schwer beschädigt. Die Einstürzgefahr bei folgenden Beben war gross.

Danach nahm Pater Servulus sein Koffer mit den wenigen persönlichen Sachen mit, denn er kam ja nach Banda Aceh eigentlich nur für ein paar Tage. Er ging zurück zu einer muslimischen Gastfamilie.

Nach ein paar Stunden ging er wieder in Kirche, vermutend, dass wahrscheinlich Gläubige ihn suchten und seine hilfe brauchten. Bei der Gelegenheit traf er einen Familienvater, dessen Frau und einmonatige Tochter starben. Er betete gerade in der Kirche. Er bat Pater Servulus, ihre Leiche zu segnen, bevor sie am Tag darauf zu Grabe getragen wird. Es fing aber schon zu regnen an, und es war ein wenig weit. So versprach ihm Pater, ihn am Tag darauf in der Kirche zu treffen und gemeinsam zum Begräbnis zu gehen. Am Tag darauf haben sie auf ihn aber lange gewartet. Vergeblich! Mit der Ordensschwester und dem Pfarrgemeinderatsvorstizenden ging Pater Servulus zum katholischen Friedhof. Dort traf er den Mann. Dort hielt eine würdige Beerdigungszeremonie für die Frau.

Nach dem Treffen mit dem Mann am 26. Dezember nachmittag, kam heftiger Regen. Die Angst der Gastfamilie, dass von den Bergen Überschwemmung kommt, stieg. Am späten Nachmittag, kam ein militärischer Lastwagen und brachte sie alle zum Militärlager auf einer Höhe. Es war ein offener Lastwagen, und sie fuhren im Regen! In dieser Nacht blieben sie auf dem Lager, unter den Zelten. Bei der Gelegenheit konnte Pater Servulus drei wichtige Telefonate machen, um zu berichten, dass er gesund ist. Während der Nacht waren noch ein paar Nachbeben. Die Leute standen auf und wollten laufen. Pater Servulus versuchte sie zu beruhigen, dass sie sich doch auf einem sicheren offenen lager sind, und dass es hier sicher ist. Es kann ja nichts mehr einstürzen.

Am Tag darauf, am 27. Dezember, nach dem oben erwähnten Begräbnis, ging Pater Servulus mit anderen und seiner Gastfamilie in deren Haus zurück, denn nach der Einschätzung des Militärs ist dieses Gebiet ungefährlich. Am Nachmittag ging er wieder in Kirche. Diesmal traf er einen Familienvater, ganz verzweifelt, denn er verlor eine Frau und seinen siebenjährigen Sohn. Es war eine traurige Geschichte. Die Familie hatte ein Auto. Als es begann zu beben und als sie hörten, dass die Wellen kommen, fuhren sie mit dem Auto. Unterwegs sahen sie aber viele Menschen. Die Frau drängte ihren Mann, aufzuhalten und ein paar muslimische Frauen in ihr Auto einsteigen zu lassen. Aber damit waren sie zu spät. Die Wellen kamen und schleppten sie mit. Sein Versuch, die Frau und die Tochter zu halten, war dann vergeblich. Sei ersticken im Auto. Er wusste aber, wo nun das Auto mit der Frau und die Tochter ist. Er bat Pater Servulus, zum Auto zu kommen und für seine Familie zu beten. Aber es war weit, und der Weg dahin war schwer, denn es lagen überall eingestürzte Bäume und Gebäude. Pater Servulus versuchte, ein paar Katholiken zu finden, um die Leiche zum Friedhof zu tragen. Es war aber auch vergeblich. Dazu war noch der hefitge Regen. Zwei Tage haben sie versucht, die Leichen aus dem Auto herauszuholen, um sie dann auf dem Friedhof zu beerdigen. Vergeblich. Deshalb haben sie entschieden, zum Auto zu kommen und dort die Gebräniszeremonie zu halten. Es war nicht mehr möglich, die Leiche auf dem Friedhof zu beerdigen. Es war aber schon der 29. Dezember, der vierte Tag nach dem Beben. Unterwegs zu diesem Auto musste Pater Servulus ein paar Mal sich erbrechen, denn der Verwesungsgeruch war schon sehr stark. Es war auch gefährlich, denn überall liegen Nägel, scharfe Blechdächer oder zerbrochene Glässer und Flaschen. Noch dazu sah er unterwegs Leiche in unterschiedlichen Positionen. Es waren Menschen, die nichts mehr tun konnten, ihr Leben zu retten. Gott sei Dank, als sie beim Auto ankamen, war es kein starker Geruch von Leichen der Frau und Tochter. So konnten Pater Servulus und der Mann die Beerdigungszeremonie halten. Ein Trost für den Mann. Er konnte sich von den Leichen seiner Frau und Tochter verabschieden. Die Leichen wurden später vom Militär abtransportiert.

Nachmittags des 28. Dezember verabschiedete sich Pater Servulus von seiner freundlichen Gastfamilie und wechselte mit den Ordensschwestern ins Haus eines reformierten Soldaten. Dort waren auch schon andere Katholiken. Der Vorsitzende des Pfarrgemeinderates flog schon inzwischen nach Medan. Dort versuchten sie, Überlebene und Opfer der Gemeinde zu zählen. Nach dieser ersten Einschätzung wurden von den Katholiken 13 Tote und sieben Verletzte gezählt. Vier davon hat Pater gewusst, denn er hat sie die Beerdigungszeremonie gehalten. Es war aber für Pater Servulus nicht möglich, die Familien der anderen zu finden. Nach einer späteren Zählung starben 25 Katholiken aus der Hauptstation.

Bis zum 31. Dezember war es vergeblich, auf die Hilfen von Medan zu warten. Erst am 31 Dezember kamen drei Leute aus der Diozöse, aber ohne Hilfen, denn sie wollten erst mal fragen, was die Menschen eigentlich brauchen.

Am 31. Dezember feierte Pater Servulus mit den Gläubigen im Haus des reformierten Soldaten den Abschlussgottesdienst. Es war ein dreistundiger Gottesdienst! Die Menschen teilten ihre Erfahrung miteinander. Vorher schon und ganz deutlich in diesem Gottesdienst hörte Pater Servulus die unterschiedlichen Deutungen auf diese Naturkatastrophe. Einige Muslime beschuldigten die Christen, aber auch viele Christen warfen die Schuld auf die Muslime. Einige andere sahen den Grund der Katastrophe in der Schuld der Menschen überhaupt, egal welcher Religion. Überwiegend ist aber, dass man versuchte, diese Katastrophe mit Gott in Verbindung zu setzen.

Diese religiösen Deutungen öffeneten schwierige philosophische und theologische Fragen, die vielleicht in europäischen Ohren fremd klingen. Neben dem physischen Wiederaufbau liegt auch hier eine Aufgabe für uns. Aber Gott sei Dank, die religiösen Deutungen verhinderten nicht die Flut der Solidarität, was eigentlich viel wichtiger ist als die Frage nach Schuld und Sünde.

Am 2. Januar, nachdem der Pfarrer wieder in die Pfarrei zurückgekommen war, flog Pater Servulus nach Medan. Er wollte dem Bischof und anderen Institutionen und Menschen direkt berichten, wie es den Menschen in Banda Aceh ging, denn es war zu schwer, direkte Kontakte zu ermöglichen. Nun, seit Ende Januar ist Pater Servulus hier in Ledalero und gibt wieder Vorlesung bei uns. Natürlich liest er die Bibel mit dem Hintergrund dieser Erfahrung. Wir sind froh und dankbar, dass er überlebt. Seine Erlebnisse prägen ihn sicher und machen auch uns sensibler für die Nöte unserer Mitmenschen. Als Zeichen dieser Solidarität, im Gespräch mit Steyler Provinzialen in Indonesien, wurde eine Gruppe unserer Stundenten aus unserem Seminar nach Aceh geschickt.

Paulus Budi Kleden