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Mission in Dialogue


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Generalkapitels 2000

▪ Erklärung

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Inhalt

Einleitung

I. Der Kontext der Mission heute

II. Unsere Berufung zur Mission

III. Unsere missionarische Antwort

Abschluß

Erklärung des
15. SVD-Generalkapitels 2000

Auf den Geist hören:
Unsere missionarische Antwort heute

14. Juli, 2000
Nemi

Einleitung

Dankbar und voller Hoffnung

(1) An der Schwelle des neuen Jahrtausends das 15. Generalkapitel der Gesellschaft des Göttlichen Wortes in Nemi feiern zu können, sehen wir als eine besondere Gnade an. Dass zugleich unsere Ge-sellschaft 125 Jahre vollenden kann, war für das Kapitel Anlass, mit Dankbarkeit zurückzuschauen und voller Hoffnung der Zukunft entgegenzusehen. Wir sind dem Dreieinigen Gott von Herzen dank-bar, dass er den Aufbau unserer missionarischen Ordensfamilie Arnold Janssen und den Männern und Frauen der Gründergeneration anvertraut hat. Zusammen mit den nachfolgenden Generationen von Missionarinnen und Missionaren stellen sie eine „Wolke von Zeugen“ (Hebr 12,1) dar. Das macht uns Mut, der Zukunft mit Zuversicht entgegenzusehen und das Werk, das sie begonnen haben, weiterzu-führen.

(2) Das 15. Generalkapitel war der Höhepunkt eines langen Hinhörens auf den Geist mit dem Ziel, unsere missionarische Antwort heute zu erneuern. In den letzten drei Jahren haben wir uns alle be-müht, als Einzelne, als Gemeinschaften und auf allen Ebenen der Gesellschaft, die Zeichen der Zeit zu deuten, um zu erkennen, was der Geist uns in dieser unserer Zeit sagen will. Überzeugt, dass „alle Missionsarbeit ihrem Wesen nach Tat und Offenbarung des Heiligen Geistes ist“ (Ko. 105), waren wir dabei bemüht, „uns und unsere Gesellschaft ganz unter seine Führung und Leitung“ zu stellen (ebd.).

(3) Dieses Dokument ist eine Frucht unserer Suche nach der Führung des Geistes. Es ist der Versuch, unser missionarisches Charisma sowohl in schöpferischer Treue zum Erbe unseres Stifters und der Gründergeneration, als auch als Antwort auf die Herausforderungen von heute von neuem zu artikulie-ren. Im Vertrauen auf die bleibende Gegenwart des Geistes erneuern wir damit unsere Verpflichtung zum missionarischen Dienst in unserer Zeit.

Unterscheidung der Geister

(4) Im Hinhören auf den Geist haben wir die Notwendigkeit einer ständigen Unterscheidung der Geis-ter in unserer Sendung wiederentdeckt.

(5) Vor allem glauben wir, dass der Geist uns fähig macht, die Zeichen in der gegenwärtigen Welt zu erkennen und zu unterscheiden, was sich positiv und was sich negativ auf unsere Sendung auswirkt. Mag sein, dass wir eher die Zeichen des Leidens, wie Armut, Marginalisierung, ethnische Konflikte und Gewalt zwischen den Religionen entdecken; dennoch gibt es auch genug Zeichen, die zur Hoff-nung berechtigen. Dazu gehören das wachsende Bewusstsein für die Menschenrechte, der Kampf ge-gen Korruption und Weltverschuldung, die beherzte Kampagne zur Bewahrung der Schöpfung und die entschlossene Bereitschaft vieler verschiedener religiöser Gruppen, bei lebensfördernden Initiativen zusammenzuarbeiten. Alles das ist ermutigend und bemerkenswert.

(6) Wir glauben, dass der Geist innig und untrennbar mit dem Wort verbunden ist, das in Jesus Chris-tus Fleisch geworden ist und sich uns in der Heiligen Schrift offenbart. Konstitution 407 versichert uns: „In der Schriftlesung öffnen wir uns dem Heiligen Geist. Er wird uns helfen, Gottes Wort tiefer zu verstehen, es uns anzueignen und in die Welt hineinzutragen.“ Unser missionarischer Einsatz muss sich in jeder Phase auf die Heilige Schrift stützen können. Beten und stilles Betrachten lassen das bib-lische Wort für uns lebendig werden und erleuchten unser Denken. Was immer wir im Studium der Welt und des Wortes Gottes zu erkennen vermögen, müssen wir im Gebet prüfen, so dass eine Ent-scheidungsfindung grundsätzlich zu einer Unterscheidung der Geister wird.

(7) Schließlich glauben wir, dass die Gemeinschaft der ideale Ort der Entscheidungsfindung ist. Sicher spricht der Geist oft durch die schöpferischen Einsichten Einzelner. Wir sind aber überzeugt, dass solche Intuitionen der Klärung in der Gemeinschaft bedürfen, wo unser Charisma und unsere Tradition zur Unterscheidung der Geister eingebracht werden können. Zweifellos wird es immer mühsam sein, das Gleichgewicht zwischen individueller und gemeinschaftlicher Entscheidungsfindung einzuhalten. Aber gemeinsames Überlegen sowohl innerhalb unserer Gemeinschaft als auch mit den Menschen, denen wir dienen, erweist sich oft als der wahre Prüfstein einer vom Geist inspirierten Einsicht.

Auf dem Weg der nachkonziliaren Erneuerung

(8) Was wir als unsere missionarische Antwort heute in diesem Dokument vorlegen, ist nur ein weite-rer Schritt auf dem Weg der Erneuerung, auf den wir uns nach dem Zweiten Vatikanum begeben ha-ben. In vier Generalkapiteln, vom 9. Kapitel 1967/68 bis zum 12. Kapitel 1982, konzentrierten wir uns auf die Überarbeitung unserer Konstitutionen und die Neuformulierung unseres missionarischen Cha-rismas. Die folgenden Entwicklungen bewogen uns, über unsere missionarische Berufung weiter nachzudenken und unser Verständnis davon zu vertiefen. Das 13. Generalkapitel 1988 ist durch das Leitmotiv des „Hinübergehens“ (Passing Over) gekennzeichnet, das sich durch die drei Kapitelsdo-kumente über Mission, Spiritualität und Ausbildung hindurch zieht. Auf dem 14. Generalkapitel 1994 stand die Communio im Mittelpunkt. Auf diesem 15. Generalkapitel im Jubiläumsjahr 2000 wollen wir unseren Verständnishorizont noch einmal erweitern und uns neu zur Mission verpflichten.

(9) Es ist klar, dass ein Dokument wie das hier vorliegende nicht alle Aspekte unseres Lebens und Wirkens als missionarische Ordensgemeinschaft aufgreifen kann. Die Absicht ist vielmehr, unsere missionarische Berufung weiter zu klären, unsere missionarische Antwort heute neu zu bekräftigen und eine Richtung für die Zukunft aufzuzeigen. Die folgenden Ausführungen versuchen deshalb, den Kontext der Mission heute zu verdeutlichen, unsere missionarische Berufung zu artikulieren und unsere missionarische Antwort darzulegen.

I. Der Kontext der Mission heute

(10) Wenn wir zunächst daran gehen, den Kontext der Mission heute zu betrachten, so sind wir uns bewußt, dass der so vielschichtig ist, dass es geradezu unmöglich scheint, eine erschöpfende Darstel-lung zu geben. Wir sind uns bewußt, dass die wichtigen Zeichen der Zeit, die negativen wie die positi-ven, sowohl von den einzelnen Mitbrüdern, wie auch von den Kommunitäten, Provinzen und Regio-nen, und von der Generalleitung eine ernsthafte Antwort verlangen. Wir müssen uns hier aber darauf beschränken, einige dieser Elemente der heutigen Zeit aufzuzeigen.

1. Unsere Welt

1.1. Trends, die die Welt verändern

(11) Globalisierung: Die menschliche Gesellschaft verändert sich in schwindelerregender Schnellig-keit. Die Entwicklungen im Kommunikations- und Transportwesen geben der Welt ein neues Gesicht. Globale und lokale Lebensbedingungen gleichen sich immer mehr an. Das System der Freien Markt-wirtschaft wird weltweit propagiert. Es stützt sich auf das, was man mit all seinen verschiedenen wirt-schaftlichen, sozialen und ideologischen Ausprägungen gewöhnlich „Neoliberalismus“ nennt. Die damit verbundene rücksichtslose Jagd nach Gewinn und Profit hat in entwickelten wie in unterentwi-ckelten Ländern skandalöse Armut und furchtbares Leid, sowie die Ausgrenzung und den Ausschluß großer Bevölkerungsteile, ja ganzer geographischer Gebiete, zur Folge.

(12) Urbanisierung: Die schnell wachsende Weltbevölkerung konzentriert sich besonders auf die großen Städte. Gemeinden auf dem Land trocknen aus, Städte und Großstädte boomen. Die Folgen sind Übervölkerung und wachsende Arbeitslosigkeit. Die Menschen sind gezwungen, sich dem ag-gressiven und hektischen Lebensrhythmus der Stadt anzupassen, oft auch in Situationen, die kaum mehr als human zu bezeichnen sind. Besonders die Jugend fühlt sich von der Stadt angezogen, was wiederum, entwurzelt von den traditionellen Werten und Lebensmustern, den Verlust an Identität zur Folge hat.

(13) Migration, Flüchtlingswesen und Vertreibungen: Die Suche nach besseren Lebensbedingungen verursacht in einzelnen Ländern eine massive Wanderbewegung der Armen. Die Menschen verlassen auf der Suche nach besseren Arbeits- und Ausbildungsmöglichkeiten und besseren gesundheitlichen Bedingungen ihre angestammte Heimat. Dieselben Beweggründe führen auf internationaler Ebene zu Migrationsbewegungen vom Süden nach dem Norden, vom Osten nach dem Westen. Dazu kommen die politischen, ethnischen, und religiösen Konflikte in vielen Teilen der Welt, die viele Millionen Menschen von Familie und Heimat entwurzeln und unsere Zeit zu einem „Zeitalter der Flüchtlinge“ machen.

(14) Sehnsucht nach Freiheit: Wirtschaftliche und politische Veränderungen haben das Land-schaftsbild der Freiheit sicherlich verbessert, dennoch bleibt für viele Völker die Sehnsucht nach Frei-heit noch unerfüllt. Der Zusammenbruch des sozialistischen Systems in Osteuropa hat das wirtschaft-liche und politische Gleichgewicht der Kräfte noch einmal verschoben. Aber der Kampf um größere Freiheit und Autonomie der Völker und für eine Veränderung der Gesellschaft, inbegriffen der immer stärker werdene Druck Richtung Emanzipation der Frauen, bleibt in verschiedenen Teilen der Welt aktuell. Freilich ist auch nicht zu leugnen, dass oft ein gewisses Gefühl der Frustration und der Ohn-macht diese Bewegungen begleitet. Die führenden politischen und wirtschaftlichen Kräfte versuchen, oft bereitwillig unterstützt von ihnen gefälligen und leicht zu manipulierenden Medien, die breiten Massen davon zu überzeugen, dass es zum neoliberalen Modell keine wirkliche Alternative gibt. Das muß uns herausfordern, die Suche nach einem menschlicheren, gerechteren Wirtschaftssystem anzure-gen.

1.2 Die Folgen

(15) Die globale Integration beinhaltet zweifellos auch positive Elemente. Dennoch zeigt sich, dass im kulturellen und sozialen Bereich Kernelemente der dem wirtschaftlichen Prozess zu Grunde liegenden neoliberalen Ideologie im Tiefsten unmenschlich sind; sie können infolgedessen nicht dem Evangeli-um entsprechen. Dieser Ideologie geht es vor allem um Profit und nicht um Gerechtigkeit oder um die Würde des menschlichen Lebens; ihr Grundelement, „laßt den Markt entscheiden“, begünstigt die Interessen der Mächtigen. In vielen Bereichen hat die Privatisierung grundlegender Dienste wie Ge-sundheitsfürsorge, Erziehungs- und Verkehrswesen, und Wasserversorgung, nur die Ausgrenzung der Armen verstärkt.

(16) Soziale und politische Folgen: Mit der größeren weltweiten Integration geht im wirtschaftlichen, sozialen und politischen Sektor ein Mechanismus des Ausgrenzens einher. Die Kluft zwischen Arm und Reich wird immer größer. Große Teile der Bevölkerung sind von der neuen wirtschaftlichen Ord-nung ausgeschlossen. Während die Weltwirtschaft und die Wirtschaft einzelner Länder große Reich-tümer anhäufen, werden die Armen, Arbeits- und Rechtlosen an den Rand der Gesellschaft gedrängt, wo ihnen oft nicht einmal das Existenzminimum bleibt. Frauen und Kinder, Alte und Schwache sind im allgemeinen die Ersten, die ausgeschlossen werden. Hier handelt es sich um eine strukturelle Ge-walt. In einem solchen Umfeld blühen Verbrechen, Hass und Krieg, oft - im Verein mit der allgegen-wärtigen Korruption in vielen Ländern - genährt vom Handel mit Waffen und Drogen.

(17) Gleichzeitig formieren sich aber auch auf lokaler und globaler Ebene viele Gruppen, um eine breitere Solidarität zu schaffen. Viele der Ausgegrenzten werden, wenn sie sich zusammenschließen, zu einem wichtigen sozialen Faktor (z.B. Frauen, Urbevölkerung, Afroamerikaner, Dalits in Indien, Opfer von AIDS). Viele Nicht-Regierungs-Organisationen tragen zu dieser Bewusstseinsbildung und diesem Zusammenschluss bei.

(18) Ökologische Folgen: Ein „Opfer“ der neuen Wirtschaftsordnung und der neoliberalen Ideologie ist ohne Zweifel „Mutter Erde“. Die skrupellose Profitgier des „Freien Marktes“ führt zu einer unver-antwortlichen Ausbeutung der begrenzten Ressourcen der Erde und hinterläßt große Schäden im Öko-system. Die fortwährende Plünderung der Natur und der Missbrauch der Umwelt gefährden die Zu-kunft der Erde. Wir haben schon längst einen kritischen Punkt erreicht.

(19) Gleichzeitig hat jedoch der Globalisierungsprozess das Gewissen für ökologische Fragen wachge-rüttelt. Uns wird immer mehr bewusst, dass unser Planet unser gemeinsames Haus ist. Wir sind zu-nehmend bereit, unsere Stimme zu erheben, wenn wirtschaftliche Interessen wenig Respekt gegenüber der Umwelt zeigen. Es zeigt sich deutlich, wie anfällig die Erde und wie wichtig die Bewahrung der Schöpfung ist.

(20) Kulturelle Folgen: Völker aus unterschiedlichsten Kulturen stehen heute in viel engerem Kon-takt. Die meisten Städte werden von Gruppen sehr verschiedener Kulturen bewohnt. Mit Bildern von Nah und Fern überfluten Fernsehen, Radio, Filme, Zeitungen und Zeitschriften, Musik und Mode un-ser Leben und verführen zu einer „Konsummentalität“. Die Globalisierung bewirkt mit halsbrecheri-schem Tempo einen Kulturwandel. Der kommt so schnell, dass es unmöglich ist, die Folgen anzupas-sen. Die Menschen sehen sich heute Spannungen und Herausforderungen ausgesetzt wie wohl nie zuvor. Verschiedene Elemente stehen eher beziehungslos nebeneinander, als dass sie in ein allgemei-nes Muster integriert wären. Bruchstückhaftes, entpersönlichtes Leben ist, verbunden mit einer konse-quenten Vervielfachung von Weltsichten, zu einem kennzeichnenden Wesenszug der postmodernen Gesellschaften geworden.

(21) Gruppen wie Einzelne fühlen sich von der Neugestaltung der kulturellen Formen ausgeschlossen. Sie argwöhnen, dass alle in eine weltweite Einheitskultur gezwungen werden sollen. Das Gefühl des Ausgeschlossenseins und der Unsicherheit hat dazu beigetragen, traditionelle Kulturformen, besonders auf dem Gebiet der Musik, Sprache und Mythenbildung, neu zu beleben. Diese Gefühle führen auch zu einem wachsenden Ethnozentrismus, zu Spannungen und zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen ethnischen Gruppen. Kulturelle Gruppierungen zeigen heute sowohl ein tieferes Empfinden für die Menschenrechte, wie auch eine wachsende Neigung zum Individualismus.

(22) Religiöse Folgen: Bedingt vom rapiden Wandel in unserer Welt fühlen viele das Bedürfnis nach einem tieferen Sinn, um ihrem Leben eine Richtung zu geben. Deshalb besteht, während die einen völlig säkularisiert sind, bei den anderen ein starkes Verlangen nach Heiligem und danach, Übernatür-liches zu erfahren. In manchen Teilen der Welt befindet sich Religion in einer Phase der Wiederbele-bung. Das derzeitige Betonen der individuellen Wahl hat zur Folge, dass Angebote von Seiten institu-tionalisierter religiöser Gruppen nicht automatisch angenommen werden. Wahrheit und Sinnfindung unterliegen dem individuellen Entscheidungsprozess und der persönlichen Erfahrung. Viele finden in kleinen Gruppen oder unabhängigen Kirchen die gewünschte Orientierung und Unterstützung. Pfingstler, charismatische Gruppen und viele andere religiöse Bewegungen blühen auf. Religiöser Fundamentalismus und ausgesprochener Säkularismus gedeihen in vielen Teilen der Welt Seite an Seite. Religiöse Wiederbelebung ist also eine zweideutige Erscheinung: sie kann zu echter Befreiung, aber auch zu noch größerer Entfremdung der Armen und Unterdrückten führen.

(23) Die Mobilität der Menschen hat auch verschiedene religiöse Gemeinschaften in engeren Kontakt zueinander gebracht. Als Folge davon nimmt das Interesse am interreligiösen Dialog und an der inter-konfessionellen Zusammenarbeit zur Überwindung konkreter sozialer Nöte zu. Außerdem gibt es das Phänomen der gleichzeitigen Zugehörigkeit zu mehreren Religionen. Allerdings gilt auch, dass Men-schen, die in einer bestimmten Religionsgemeinschaft ihre Identität finden, zunehmend zu religiöser Intoleranz und zu gewaltsamen Auseinandersetzungen mit Anhängern anderer Religionen neigen.

2. Unsere Kirche

(24) Die Kirche ist heute, auch wenn sie in einigen Ländern nur eine kleine Minderheit ist, zu einer wirklichen Weltkirche geworden. Was unsere eigene katholische Tradition betrifft, haben sich in fast allen Teilen der Welt Ortskirchen als Teil einer weltweiten Gemeinschaft gebildet. Es gibt viele ermu-tigende Zeichen, wie den wachsenden Einsatz der Laien, Aktivitäten für Gerechtigkeit und Frieden, Bemühungen um interreligiösen Dialog usw. Die Vielfalt an Bräuchen und Theologien in den Ortskir-chen macht aber auch so manchen kirchlichen Authoritäten und einfachen Gläubigen Angst. Die Re-aktionen darauf sind verschieden: Die einen kämpfen, um die Einheit zu bewahren, für mehr Ge-schlossenheit. Andere treten für Neuerungen ein, ohne auf ihre Auswirkungen zu achten. Wieder ande-re bauen geduldig Dialogstrukturen auf, die zu gegenseitigem Verständnis führen und sowohl die Ein-heit als auch die Verschiedenheit fördern sollen.

(25) Die institutionelle Kirche scheint in den letzten Jahren auf vielen Gebieten eher Rückschritte ge-macht zu haben. Bei vielen Leuten hat das zu einer Autoritätskrise geführt. Der Klerikalismus wird wieder mehr betont. Bei Bischofsernennungen kommen die Wünsche der Ortskirchen zu Zeiten nicht zum Zug. Frauen bleiben von den Entscheidungsprozessen ausgeschlossen. Sittlichkeitsskandale ha-ben die Kirche in verschiedenen Ländern erschüttert und damit ihre Glaubwürdigkeit untergraben. Im Bereich der Inkulturation des Evangeliums ist noch eine Unmenge zu tun.

(26) Wie auf vielen anderen Gebieten des kirchlichen Lebens war das Zweite Vatikanum auch für das Verständnis und die konkrete Missionspraxis ein Wendepunkt. Die vorkonziliare Zeit kannte fast ausschließlich nur die Rolle des Berufsmissionars, der gewöhnlich im Ausland geboren war. „Missi-on“ wurde allgemein auf Afrika, Asien, Ozeanien und Lateinamerika bezogen. Die unmittelbaren Zie-le der Mission waren die Errichtung von Ortskirchen und die Einladung an die Heiden, sich zu bekeh-ren, damit sie gerettet werden könnten.

(27) In unseren Tagen betonen wir, dass die ganze Kirche missionarisch ist und ein breitgefächertes Betätigungsfeld mit verschiedenen Rollen darstellt. Der „Ort“ der Mission wird heute mehr durch spezifisch missionarische Situationen als durch geographische Gebiete bestimmt. Als langfristiges Ziel der Mission steht die Sammlung aller Menschen in das Reich Gottes im Vordergrund. Das geschieht durch die ausdrückliche Verkündigung der Frohen Botschaft und durch den respektvollen Dialog mit Menschen anderen Glaubens; durch die Einladung von Frauen und Männern in eine Zeugnis- und Dienstgemeinschaft, und indem Gottes Botschaft des ganzheitlichen Heiles jedem Menschen nahege-bracht wird.

(28) In vielen Ortskirchen ist das Martyrium wieder zu einer Lebenswirklichkeit geworden. Es zeigt sich, dass das prophetische Zeugnis für das Evangelium notwendigerweise zur Opposition gegen die Mächtigen und Unterdrücker führt, ganz gleich, ob diese von der Rechten oder Linken sind. Ordens-missionare sind dazu berufen, bedingungslos auf der Seite der Unterdrückten zu stehen und Märtyrer, d.h. Zeugen zu sein für eine radikale Nachfolge Jesu, indem sie seine konkreten Lebensentscheidun-gen in ihrem eigenen Umfeld in die Tat umsetzen.

3. Unsere Gesellschaft

(29) In unserer Gesellschaft sind viele Trends zu spüren, die sich ähnlich in der weltweiten Kirche finden lassen. Die Zusammensetzung unserer Gesellschaft ist vielfältiger denn je. Während in der Vergangenheit die Missionsarbeit fast ausschließlich in den Händen der europäischen oder europäisch-stämmigen Mitbrüder lag, kommen nun die meisten Mitbrüder aus den früheren „Missionsgebieten“. Die globale Verteilung des Personals erlaubt es uns, in vielen Teilen der Welt multinationale und mul-tikulturelle Gemeinschaften zu bilden. In einigen Ländern machen es uns leider verschiedene Restrik-tionen nicht möglich, ein volles internationales Zeugnis abzulegen.

(30) Die Entwicklung unserer Zonen und ihrer Subzonen führt allmählich dazu, über unser je eigenes Apostolat und über unsere Hausgemeinschaften, unsere Provinzen oder Regionen hinauszusehen. Schrittweise und zum Teil schmerzhaft wachsen wir zu einer Communio zusammen und bekommen das Gespür, nicht nur zu einer Provinz oder Region zu gehören, sondern zur Zone Afrika-Madagaskar (AFRAM), Pan-Amerika (PANAM), Asien-Pazifik (ASPAC) oder Europa (EUROPE). Langsam, aber hoffentlich auch sicher, lernen wir, immer mehr weltweit zu denken und uns mit der ganzen Gesell-schaft eins zu fühlen.

(31) Diese äußere Entwicklung wurde begleitet von einem wachsenden Bewusstsein unseres ursprüng-lichen Charismas und unserer SVD-eigenen Spiritualität. Das Arnold-Janssen-Spiritualitäts-Zentrum hat in diesem Zusammenhang eine bedeutende Rolle gespielt; das gilt auch für die Bemühungen der drei von Arnold Janssen gegründeten Ordensgemeinschaften, für gemeinsame Ziele und Anregungen enger zusammenzuarbeiten.

(32) Das wachsende Gemeinschaftsbewusstsein unter den Mitbrüdern macht Mut, ebenso die Tatsa-che, dass unsere Mitgliederzahl weltweit steigt und das Durchschnittsalter sich ständig verjüngt. Den-noch haben wir in einigen Ländern einen Mangel an Berufen, besonders an Brüderberufen, und eine Überalterung der Mitbrüder zu verzeichnen. Zusammenfassend läßt sich jedoch sagen: Das Bild der Gesellschaft ist positiv. Wir dürfen uns über vieles freuen. Wir können Gott danken für allen Segen in den vergangenen 125 Jahren.

(33) Gleichzeitig müssen wir eingestehen, dass unser internationales Gemeinschaftsleben auf vielfache Weise von der Vergangenheit beeinflusst ist, die häufig durch Ethnozentrismus, Klerikalismus und Individualismus gestört war. Wir müssen eingestehen, dass unsere Brüder nicht selten unfair behandelt und die einheimischen Mitbrüder nicht als gleichwertig angesehen wurden. Lokalen Kulturen und religiösen Traditionen gegenüber haben wir es in unserer missionarischen Arbeit bisweilen am nötigen Respekt fehlen lassen. Das hat gelegentlich sogar bis zur Missachtung der Souveränität und Würde des Volkes, unter dem wir gearbeitet haben, geführt. Unseren SSpS-Schwestern gegenüber haben wir es bisweilen an gehörigem Respekt und brüderlicher Liebe fehlen lassen. Für diese und andere Fehler bitten wir in diesem Jubeljahr 2000, dem Jahr der Versöhnung, Gott und die betroffenen Personen um Vergebung.

II. Unsere Berufung zur Mission

(34) Der veränderte und sich weiter ändernde Kontext der Mission heute verlangt von uns dringlicher denn je eine neue missionarische Antwort. Der Ausgangspunkt dafür muss immer die Überzeugung sein, dass Mission an erster Stelle „Werk des Geistes“ (RM 24) ist und dass unsere Berufung als Ein-ladung zur Mitarbeit an der Mission des Dreieinigen Gottes zu verstehen ist. Durch den Willen des Vaters und das Wirken des Heiligen Geistes vermittelt das Göttliche Wort der Welt Leben und führt uns so enger zusammen.

1. Das Heilswirken des Dreieinigen Gottes: Von der Schöpfung zur Neuen Schöpfung

(35)

„Im Anfang war das Wort ...
Alles ist durch das Wort geworden,
und ohne das Wort wurde nichts, was geworden ist“
(Joh 1,1.3).

Gottes Wort ist Kommunikation, Selbstoffenbarung und Heilsgesche-hen (Jes 55,10f). Wenn wir daher die Welt und alles Leben seinem schöpferischen Wirken zuschrei-ben, sagen wir damit, dass die Schöpfung selbst der Beginn der Geschichte der göttlichen Selbstoffen-barung und des Heilswerkes ist. Das ist schon am Anfang des Buches Genesis mit dem Bild des Geis-tes Gottes ausgedrückt, der über der formlosen Leere schwebt, während Gottes Schöpferwort aus dem ursprünglichen Chaos ein Universum formt (Gen 1,2f). Die Botschaft ist klar: Gott erschafft uns aus freien Stücken und lädt uns gnadenweise ein, am Leben und an der Liebe des Schöpfers, des Wortes und des Geistes teilzunehmen (AG 2).

(36) Aber was wir bis jetzt von Leben und Liebe verspürt haben, ist nur ein Anfang, und es ist immer von der Macht des Chaos, der Sünde und des Bösen bedroht. Ständig vom Geist geführt und vom Licht des Wortes erleuchtet, seufzt die gesamte Schöpfung und liegt in Geburtswehen (Rö 8,18-23), bis alles in eine neue Schöpfung verwandelt ist. Der Verfasser der Geheimen Offenbarung beschreibt die Zukunft, auf die hin wir uns bewegen: „Dann sah ich einen neuen Himmel und eine neue Erde; ... Da hörte ich eine laute Stimme vom Thron her rufen: Seht, die Wohnung Gottes unter den Menschen! ... sie werden sein Volk sein; und er, Gott, wird bei ihnen sein...“ (Offb 21,1.3).

(37) Andere, besonders zur Zeit Jesu, hätten das Ziel ihrer Hoffnung wohl „Königreich“ oder „Reich Gottes“ genannt. Das Kaddisch, ein Lobgebet der Synagoge, das Jesus gewiss seit seiner Kindheit kannte, drückt sich so aus. Es ist ein über zweitausend Jahre altes Gebet um das Kommen des Reiches und wurde vom jüdischen Volk auch in den tragischten und grausamsten Situationen seiner Geschich-te gesungen:

„Erhoben und geheiligt werde sein großer Name in der Welt, die er nach seinem Willen erschaffen,
und sein Reich erstehe in eurem Leben und in euren Tagen und dem Leben des ganzen Hauses Israel schnell
und in naher Zeit, sprechet: Amen!
Sein großer Name sei gepriesen in Ewigkeit und Ewigkeit der Ewigkeiten!“

(38) Im Laufe der Jahrhunderte haben viele, Weise und Propheten, einfache Diener und mächtige Herrscher, wandernde Stämme und ganze Völker, ihre Sehnsucht nach dem „Darüberhinaus“ in Worte gefaßt (z.B. Hebr 11). Dieses Sehnen ist selbst ein Zeichen der unaufhörlichen Einladung des Geistes an die Menschheit zur Partnerschaft in der göttlichen Sendung.

(39) Im Lukasevangelium erreicht die Geschichte der Einladung, an der Sendung teilzunehmen, mit der Bereitschaft Mariens zur Mutterschaft ihren entscheidenden Augenblick. Wie der lebenspendende Geist über den Wassern der ersten Schöpfung schwebte, wird der Heilige Geist über sie kommen, und die Kraft des Höchsten wird sie überschatten. „Deshalb wird auch das Kind heilig und Sohn Gottes genannt werden“ (Lk 1,35). Die Jungfrau wird Mutter des Christus, der die neue Schöpfung des Geis-tes ist. Im Laufe der Tradition haben die Christen die Worte des vierten Evangeliums immer auf die-sen Augenblick bezogen: „Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt“ (Joh 1,14).

(40) Für Lukas ist es daher klar, dass der Geist lebenspendender Geist ist: das dynamische Prinzip der neuen Schöpfung, die in den „letzten Tagen“ erwartet wird (vgl. seine Redaktion von Joel 3,1 in Apg 2,17); und dass, wo immer Jesus gegenwärtig ist, auch das Reich Gottes seine Gegenwart als befreien-de Gnade spüren läßt (Lk 11,20). Die Tage Jesu sind Tage des Reiches Gottes (Lk 16,16). Empfangen durch die Kraft des Geistes und im Jordan mit dem Geist gesalbt (Apg 10,38; Lk 3,22) bezeugt er die Gegenwart des Geistes im Kampf gegen die Mächte des Bösen und in der Neuschöpfung des Lebens der Völker. „Erfüllt vom Heiligen Geist ... führte ihn der Geist ... in der Wüste umher“ (Lk 4,1), wo er gegen die Versuchung, Wunder zu tun, die nicht mit dem Weg übereinstimmten, den er als Diener des Herrn gewählt hatte, ankämpfte. „Erfüllt von der Kraft des Heiligen Geistes“ (Lk 4,14) betrat er die Synagoge von Nazaret und stellte sein missionarisches Programm mit den Worten vor: „Der Geist des Herrn ruht auf mir“ (Lk 4,18; Jes 61,1). Was folgte, war die Frohe Botschaft in Begriffen der Befrei-ung, wobei er sich besonders auf die wirtschaftlich und gesellschaftlich Armen, auf die Unterdrückten und Leidenden, die Vergessenen und Vernachlässigten bezog:

„Der Geist des Herrn ruht auf mir;
denn der Herr hat mich gesalbt.
Er hat mich gesandt,
damit ich den Armen eine gute Nachricht bringe;
damit ich den Gefangenen die Entlassung verkünde
und den Blinden das Augenlicht;
damit ich die Zerschlagenen in Freiheit setze
und ein Gnadenjahr des Herrn ausrufe“ (Lk 4,18f).

(41) Mit dieser Verkündigung stößt er in der Synagoge von Nazaret auf Ablehnung (Lk 4,28f). So erinnert Lukas daran, dass die Botschaft Jesu auf sein Kreuz bezogen ist. Von den politischen und religiösen Führern seiner Zeit wurde seine Lehre offensichtlich als Bedrohung aufgefasst; sie wurde weitgehend missverstanden. Er selbst wurde als Gotteslästerer abgelehnt, als Verbrecher verurteilt und starb einen grausamen und erniedrigenden Tod am Kreuz. Für Lukas war dies der Augenblick seines persönlichen „Exodus“ (Lk 9,31; 23,46), als er in eine größere und vollere Erfahrung des Geistes „hi-nüberging“ (Passing-over). Das war der Augenblick der Geburt der christlichen Gemeinde:

„Diesen Jesus hat Gott auferweckt ...
Nachdem er durch die rechte Hand Gottes erhöht worden war
und vom Vater den verheißenen Heiligen Geist empfangen hatte,
hatte er ihn ausgegossen, wie ihr seht und hört“ (Apg 2,32f).

2. Die Kirche: Berufen zur Teilnahme an der Sendung des Dreieinigen Gottes

(42) Im Neuen Testament gibt es eine enge Verbindung zwischen dem Ansporn zur Mission und dem Geschenk des lebenspendenden Geistes, der vom auferstandenen Herrn kommt. Johannes bringt das in der Szene am Ostersonntag zum Ausdruck, in der Jesus seine Jünger mit seiner Sendung betraut: „Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch“ (Joh 20,23). Er, der in den Tod gegan-gen ist, um die Sünde der Welt hinwegzunehmen, teilt sein Versöhnungswerk mit den Seinigen. Dazu befähigt er sie, indem er den Geist in sie einhaucht (Joh 20,21f), ganz so, wie Gott selbst dem Adam den „Lebensatem“ in seine Nase blies (Gen 2,7). In der Apostelgeschichte ergreift der Geist am Pfingsttag die Jünger Jesu, verscheucht ihre Ängste und sendet sie aus, Zeugnis von Jesus, dem „Herrn und Messias“ (Apg 2,36), zu geben. Sie verkünden das Anbrechen der neuen Schöpfung in ihrem auferstandenen Herrn (vgl. 2 Kor 5,17-19). Wie mit Jesus so ist es auch mit der Kirche: der Geist ist das dynamische Prinzip, das innere Leben der Mission: „Aber ihr werdet die Kraft des Heili-gen Geistes empfangen, der auf euch herabkommen wird; und ihr werdet meine Zeugen sein in Jeru-salem und in ganz Judäa und Samarien und bis an die Grenzen der Erde“ (Apg 1,8). Das Hören auf den Geist bestimmt die Ausrichtung der Mission (Apg 1,4; 8,29; 16,7) und ihre Öffnung zur nicht-jüdischen Welt (Apg 10,19; 11,12; 15,28; 21,4).

(43) Von ihren ersten Anfängen an hat sich daher die Kirche von ihrem Wesen her als missionarisch verstanden. Durch Wort und Sakrament, betend und dienend, trägt die Kirche die Botschaft bis an die Grenzen der Erde. Im breiten Horizont der Heilsmission Gottes für die Welt nimmt die Kirche eine wichtige und unersetzbare Rolle als Sakrament und Dienerin des Reiches Gottes wahr. Neue Gemein-schaften von Jüngern entstehen. Sie anerkennen Jesus als ihren Herrn und Christus und machen sich sein in Nazaret verkündetes Missionsprogramm zu eigen (Lk 11,28). Die Kirche fördert die Gottes-, Nächsten-, ja Feindesliebe. Sie fördert den menschlichen Bereich, setzt sich für Gerechtigkeit und Frieden ein, für Erziehung und für die Pflege der Kranken, und sorgt sich „um die Armen und Klei-nen“ (RM 20).

(44) Weil Mission Werk des Dreieinigen Gottes ist und der Geist weht, wo er will, arbeitet die Kirche in ihrem Dienst am Reich Gottes mit anderen Glaubensgemeinschaften und mit allen Menschen guten Willens zusammen. Es ist auffallend, mit welchen Begriffen Jesus klar machte, wie in seinen Augen die Beziehung seiner Jünger zu ihrer Umwelt sein sollte: Salz, Licht und Sauerteig.

(45) Wenn die Kirche sich an die Welt wendet, um die Communio zu vertiefen, ist sie sich bewusst, dass das Reich Gottes eine Wirklichkeit ist, die über sie hinausgreift (LG 5). Sie freut sich, dass Gott mit seinem Heil gegenwärtig ist und in der Geschichte, in den Kulturen und in den Religionen aller Völker weiter gegenwärtig bleibt (RM 28, 29). Unter der Führung des Geistes und im Licht des Wortes ist die Gemeinschaft der Jünger Jesu ständig aufgerufen, sich über ihre eigenen Grenzen als sichtbare, historische Wirklichkeit hinauszuwagen, bis die vollkommene Communio unserer Menschheitsfamilie beim Festmahl des Reiches Gottes verwirklicht ist (Jes 25,6; Mt 8,11).

3. Die SVD: Vom Geist berufen, an der Sendung der Kirche teilzunehmen

(46) Der Geist erweckt immer wieder Gemeinschaften, die sich der Kirche zur Verwirklichung ihres missionarischen Auftrags zur Verfügung stellen. Vor 125 Jahren hat Arnold Janssen, „in Antwort auf den Ruf des Heiligen Geistes und die Not der Völker, unsere Gesellschaft als missionarische Gemein-schaft gegründet“ (Prolog der Konstitutionen). Als Zeugen des Wortes fühlen wir uns insbesondere berufen, über die Grenzen der sichtbaren, historischen Kirche hinauszugehen, um dort zu arbeiten, „wo das Evangelium nicht oder nur ungenügend verkündet ist“ (Ko. 102), und um das Licht zu su-chen, welches das Wort in jeder Person und in jedem Volk entzündet hat. So tragen wir dazu bei, „die versprengten Kinder Gottes zu sammeln“ (Joh 11,52) und die Stunde herbeizuführen, da alle „den Vater anbeten werden im Geist und in der Wahrheit“ (Joh 4,23). „So fördern wir den wahren Fort-schritt der Menschen, gehen dem kommenden Herrn entgegen und bereiten seine glorreiche Ankunft und die endgültige Vollendung der Schöpfung in Christus vor“ (Ko. 101).

(47) Wir sind nicht die einzigen, die auf diese Weise berufen sind, vielmehr haben alle Mitglieder der Kirche Anteil an dieser allgemeinen Berufung. Es gibt freilich verschiedene Wege, auf denen die Kir-che ihren Ruf zur Mission verwirklicht. So wenden wir uns an den Geist, um zu erkennen, was unser eigener, spezifischer Beitrag sein muss. Im Folgenden wird beschrieben, was wir für die unterschei-denden Merkmale unserer Berufung als SVD in der heutigen Welt halten. Wir gehen dabei von drei Wirklichkeiten aus: unser Zeugnis für die Universalität des Reiches Gottes; unser Engagement in ei-nem vierfachen Dialog; die charakteristischen Dimensionen unseres Charismas.

3.1. Das Zeugnis der SVD für das Reich Gottes: Universalität und Offenheit

(48) Seit der Zeit des Stifters haben wir uns immer zur Teilnahme an der Sendung Jesu berufen ge-fühlt, das Reich der Liebe Gottes zu verkünden (Prolog der Konstitutionen). Weil wir berufen sind, zu anderen Kulturen zu gehen (Passing-over) und das Charisma der Internationalität zu leben, besteht unser besonderes Zeugnis für das Reich Gottes darin, seinen universalen Charakter und seine Offen-heit für die Vielfalt ins rechte Licht zu rücken. Unsere Identität als SVD wurzelt in der Berufung, für Gottes Liebe gerade dort Zeugnis abzulegen, wo ihr allumfassender Charakter nicht anerkannt und ihre Offenheit für die reiche Vielfalt der Völker nicht geschätzt wird.

(49) Dieser unser besonderer Beitrag wird desto notwendiger, je mehr die Globalisierung unsere Welt neu gestaltet. Das Phänomen der Globalisierung schließt allerdings nicht alle ein, ganz im Gegenteil: Viele werden ausgeschlossen und links liegen gelassen. Das Reich Gottes hingegen ist ein Reich der Liebe, die alle und jeden einzelnen Menschen einschließt. In unserem Einsatz für die Armen und Aus-geschlossenen, aber auch in unseren eigenen Kommunitäten, sind wir aufgerufen, von dieser allumfas-senden Liebe Gottes Zeugnis abzulegen.

(50) Auf der anderen Seite hat die Globalisierung eine Gleichförmigkeit zur Folge, die dahin tendiert, alle Unterschiede zu beseitigen. Die Idee der Globalisierung ist in keiner Weise offen genug für die breite Vielfalt der Völker. Das Reich Gottes hingegen ist total offen für die Besonderheit jedes Men-schen und jedes Volkes. Wir sind aufgerufen, Zeugnis abzulegen von dieser für alle offenen Liebe Gottes und tun das, in dem wir alle Kulturen und Völker, sowie die Verschiedenheit in unseren Kommunitäten, achten und schätzen.

(51) Berufen zu sein, für diese universale und offene Liebe Gottes Zeugnis abzulegen, ist kein Aufruf zu bloßem Aktivismus. Unser Zeugnis beginnt damit, wie wir selbst in unserem persönlichen Leben und in der Gemeinschaft das Reich Gottes erfahren (Ko. 106); es findet seinen Ausdruck in unserer Nachfolge des Herrn auf dem Weg der evangelischen Räte. Unsere missionarische Berufung besteht deshalb nicht nur darin, im apostolischen Dienst für das Reich Gottes Zeugnis abzulegen. Sie beinhal-tet gleichermaßen, unter uns selbst eine missionarische Ordensgemeinschaft zu formen, die ein glaub-haftes Zeugnis vom Reich Gottes darstellt. In einer solchen Gemeinschaft leisten wir alle, auch die, die krank oder im Ruhestand sind, durch Gebet und Opfer unseren missionarischen Beitrag.

3.2. Unsere vorrangigen missionarischen Verpflichtungen: der vierfache prophetische Dialog

(52) Unsere Diskussionen im Kapitel haben bestätigt, dass sich unser Verständnis von Mission ad gentes von einer ausschließlich geographischen Ausrichtung hin zu missionarischen Situationen verla-gert hat. Aus unseren Konstitutionen, aus der Arbeit vergangener Kapitel, sowie im weiteren Rahmen, in dem sich unsere Sendung heute vollzieht, lassen sich vier neuralgische Momente herauskristallisie-ren, die nach unserer Antwort fragen: Erstverkündigung und Re-Evangelisierung; Engagement für die Armen und Ausgegrenzten; interkulturelles Zeugnis und interreligiöses Verständnis.

(53) Man kann unsere spezifische missionarische Berufung in verschiedener Weise zum Ausdruck bringen. Am treffendsten, glauben wir, wird sie mit dem Wort „Dialog“ oder, genauer, „propheti-scher Dialog“ definiert. Seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil ist der interreligiöse Dialog als Teil der Sendung der Kirche weitgehend gefördert worden (RM 55). Unsere spezifische Verpflichtung zu diesem Dialog fand in den Konstitutionen (Ko. 114) und in der Erklärung des Generalkapitels von 1988 ihren Niederschlag. Der Begriff „Dialog“ wird in all seinem Reichtum schon in den Dokumenten des Zweiten Vatikanums in weiterem Sinne benutzt, um unsere Haltung gegenüber allen Menschen zu beschreiben. Dialog ist danach eine Haltung von Solidarität, Achtung und Liebe (GS 3), die all unser Tun durchdringen soll. Weil unser persönlicher und kultureller Horizont begrenzt ist, ist keiner von uns im Besitz der ganzen Wahrheit, die Gott ist und die sich in ihrer ganzen Fülle in Christus offenbart hat. Im Dialog forschen wir miteinander nach dieser Wahrheit.

(54) Im Dialog werden wir fähig, „die Zeichen der Gegenwart Christi und des Wirkens des Geistes“ (RM 56) in allen Völkern zu erkennen; im Dialog sind wir aufgerufen, unsere eigene Sündhaftigkeit zu bekennen und uns um ständige Umkehr zu bemühen; im Dialog sollen wir Gottes Liebe sichtbar ma-chen, in dem wir mutig und ehrlich besonders dort zu unseren Überzeugungen stehen, wo diese Liebe durch Vorurteile, Willkür und Hass verdunkelt wird. Es ist klar, dass wir nicht von einer neutralen Position aus, sondern aus unserem eigenen Glauben heraus Dialog führen. Gemeinsam mit unseren Dialogpartnern hoffen wir, die Stimme des Geistes Gottes zu hören, der uns vorwärts drängt. Auf die-se Weise kann unser Dialog „prophetisch“ genannt werden. Ferner ist „Dialog“ nicht auf intellektuel-len Austausch begrenzt. Dialog findet sich in allen Aspekten unseres Lebens: es gibt den Dialog des Lebens, den Dialog gemeinsamen Einsatzes für Gerechtigkeit und Frieden, und schließlich den Dialog religiöser Erfahrung.

(55) In den folgenden Abschnitten schlagen wir einige Wege vor, in denen wir unseren missionari-schen Einsatz für den prophetischen Dialog verwirklichen können. In jedem Fall bringen wir die Her-ausforderungen zu einer tieferen Bekehrung klar zum Ausdruck, die der Dialog in unserem persönli-chen Leben und in unserem Gemeinschaftsleben an uns stellt. Dann führen wir einige der Aufgaben an, die wir innerhalb der Ortskirchen übernommen haben. Schließlich zeigen wir die Aufgaben auf, die wir zusammen mit den Ortskirchen übernehmen, indem wir hinaus in die Welt gehen.

3.2.1 ... mit den Menschen, die keiner Glaubensgemeinschaft angehören, und mit denen, die auf der Suche nach dem Glauben sind

(56) In unserer missionarischen Berufung wenden wir uns in der Form der Erstverkündigung oder der Re-Evangelisierung an Menschen, die den Glauben suchen, und an jene, die keiner Glaubensgemein-schaft angehören. Dazu zählen wir die, die nie zu einer Glaubensgemeinschaft gehört haben; die, die sich von der Kirche entfernt haben, und auch die, die außerhalb ihrer eigenen Glaubenstradition Orien-tierung suchen. Wir schließen dabei, kurz gesagt, alle jene Menschen ein, für die es in Betracht kom-men könnte, Jünger Jesu zu werden. Wir nähern uns ihnen in prophetischem Dialog, weil wir mit un-serem Stifter glauben, dass „die Verkündigung des Evangeliums der wichtigste und größte Akt der Nächstenliebe“ ist.

(57) In unserem Dialog mit Menschen, die keiner Glaubensgemeinschaft angehören, und mit denen, die auf der Suche nach dem Glauben sind, fühlen wir uns persönlich aufgerufen, zu einem fortwähren-den Passing-over vom Unglauben zu einem tieferen Glauben. Zugleich fühlen wir uns gerufen, ein vom Glauben erfülltes Gemeinschaftsleben zu pflegen, das tiefer und tiefer in Jesus Christus, dem lebendigen Wort Gottes, Wurzeln schlägt.

(58) Wir antworten auf diesen Ruf, wenn wir die Ortskirche drängen, sich der Welt zuzuwenden, um durch ihr Dasein, durch ihren Dienst, mit ihren Freuden und Hoffnungen, Zeugnis zu geben von der Frohen Botschaft. Wir machen der Ortskirche auch Mut, alles zu tun, damit sich die Glaubenssuchen-den von heute in der Kirche willkommen fühlen. Das ist besonders dort dringlich, wo herkömmliche Verhaltensweisen und Bräuche der Ortskirche Schranken aufzurichten scheinen zwischen der Ge-meinde und denen, die eingeladen werden könnten, Jesus zu folgen.

(59) Unsere Antwort wird sogar noch besser ausfallen, wenn wir uns zusammen mit der Ortskirche denen zuwenden, die keiner Religion angehören. Wenn man uns „nach der Hoffnung fragt, die uns erfüllt“ (1 Petr 3,15), sind wir bereit, die anderen wissen zu lassen, wie Jesu Leben, Sterben und Auf-erstehung uns geholfen haben, einen tieferen Sinn für unser Leben zu entdecken. Wenn sie Interesse zeigen, laden wir sie ein, Jünger Jesu zu werden, und heißen sie willkommen, an der fortdauernden Sendung, für das Reich Gottes Zeugnis abzulegen, mitzuwirken.

3.2.2 ... mit den Menschen, die arm und an den Rand gedrängt sind

(60) Unsere missionarische Berufung ist eine Berufung zum prophetischen Dialog mit den Armen und Ausgegrenzten in unserer Welt, in dem wir uns bemühen, die integrale menschliche Entwicklung zu fördern. In Nazaret wies Jesus darauf hin, dass er gekommen sei, den Armen die Frohe Botschaft, den Gefangenen Entlassung, den Blinden das Augenlicht, und den Unterdrückten die Freiheit zu bringen. Sicher sind die materiell Armen immer unter den Ersten, die unterdrückt werden. Aber es gibt noch eine Unmenge anderer Gründe, wie z.B. das Geschlecht, die Rasse, das Aussehen, körperliche Gege-benheiten, das Alter, die Politik, die schulische Ausbildung usw., die herhalten müssen, Ausschluß und Unterdrückung zu rechtfertigen. Heute stellen wir uns, hellhörig geworden für das Wort und den Geist Gottes, zusammen mit den Armen und Ausgeschlossenen der Wirklichkeit von Unrecht und Unterdrückung in Kirche und Welt, und setzen uns ein für größere Freiheit.

(61) Wenn wir uns für den prophetischen Dialog mit den Armen und Ausgegrenzten einsetzen, werden wir viel besser verstehen, dass „wir nicht nur gegen Hunger, Unwissenheit und die Verweigerung menschlicher Rechte, sondern viel mehr noch gegen die Sünde in den Herzen der Menschen, welche die tiefste Ursache für die Strukturen und Systeme der Unterdrückung ist, aus denen die Übel kom-men“, kämpfen müssen (Ko. 112,2). Unser Gelübde der Armut sollte uns besonders sensibel machen für ihre Situation. Wir sind persönlich zu einem ständigen Passing-over vom Egoismus zur Solidarität aufgerufen. Da wir alle miteinander Brüder sind, pflegen wir ein echt brüderliches Gemeinschaftsle-ben, das allen Mitbrüdern, jungen und alten, Brüdern und Klerikern, Oberen und einfachen Mitglie-dern, vollen Anteil am Leben und an den Gemeinschaftsentscheidungen erlaubt.

(62) Wir antworten auf diesen Ruf, indem wir die volle Teilnahme der Armen und Ausgegrenzten in den Ortskirchen fördern. Wir helfen mit, Strukturen aufzubauen, mit deren Hilfe sie nicht nur passive Beobachter bleiben müssen, sondern zu aktiven Teilnehmern am Leben ihrer kirchlichen Gemein-schaften werden können. Wir drängen wie einst Petrus und Paulus in der Urkirche auf Solidarität in-nerhalb und zwischen den kirchlichen Gemeinden, so dass für die Bedürfnisse aller gesorgt werden kann.

(63) Unsere Antwort fällt besser aus, wenn wir uns zusammen mit den Ortskirchen bemühen, den Ar-men und Ausgegrenzten die Chance zu geben, ein besseres Leben und die volle Würde, die ihnen als Menschen zusteht, zu erreichen. Wir sind bestrebt, die Welt mit ihren Augen zu sehen, und, durch sie gestärkt, mit ihnen gegen ungerechte soziale Strukturen und Machtmissbrauch zu kämpfen. Wir bauen Brücken der Solidarität zwischen allen Menschen, ungeachtet ihres wirtschaftlichen oder sozialen Status in der Gesellschaft. Wir helfen mit beim Aufbau eines neuen, vom Reich Gottes inspirierten Miteinander.

3.2.3 ... mit den Menschen verschiedener Kulturen

(64) Unsere missionarische Berufung ist eine Berufung zum prophetischen Dialog mit Menschen un-terschiedlicher Kulturen, so dass wir von der Vielfalt der Gaben, die alle der Gott des Lebens gegeben hat, lernen und daran teilhaben. Wir erkennen auch an, dass alle Kulturen der Erlösung von Elementen der Sünde und des Todes bedürfen. Als Zeugen des Reiches Gottes setzen wir uns dafür ein, dass es zwischen dem Evangelium und den je besonderen kulturellen und multikulturellen Milieus zu einer lebensfördernden Begegnung kommt.

(65) Der prophetische Dialog mit Menschen anderer Kulturen fordert eine ständige, persönliche Um-kehr, fordert das Absterben des Ethnozentrismus und des Rassismus, und ein „Passing-over“ zu einem mehr katholischen Geist, der die kulturelle Identität der anderen in Ehren hält. Die Mühe und die Freude, eine neue Sprache zu erlernen und in die Kultur der Menschen, mit denen wir arbeiten, Ein-blick zu gewinnen, lassen uns in bescheidenem Maße Anteil haben am Sterben und Auferstehen Jesu Christi. Wir gestehen, dass unser Leben in internationalen und interkulturellen Gemeinschaften manchmal von Missverständnissen und Vorurteilen belastet ist. So verpflichten wir uns von neuem, in unseren gegenseitigen Beziehungen von der alle umfassenden Liebe Gottes Zeugnis zu geben.

(66) Wir antworten auf diesen Ruf, indem wir in den Ortskirchen die Inkulturation unterstützen, damit die Frohe Botschaft ein integraler Bestandteil der Lebensweise des entsprechenden Volkes werden kann. Umgekehrt beeinflussen die Impulse, die von den verschiedenen Kulturen ausgehen, die Inter-pretation des Evangeliums. Der Hauptträger der Inkulturation ist die Gemeinde vor Ort. Inkulturation erfordert ein genaues Hinhören auf die Bedürfnisse der Gemeinschaft und beinhaltet die Einladung, sich die in Jesus Christus offenbarte Lebensweise zu eigen zu machen. Auf diese Einladung einzuge-hen, bringt einen Wandel der Werte, Haltungen und Aktivitäten der Menschen; das wiederum findet seinen Ausdruck in einem inkulturierten Glaubensleben.

(67) Unsere Antwort ist besser, wenn wir uns zusammen mit den Ortskirchen an der immensen Auf-gabe beteiligen, lebensfördernde Werte in den örtlichen Kulturen zu pflegen. Auf diese Weise tragen die Ortskirchen zur Bereicherung des kulturellen Erbes aller Menschen bei, ob sie nun Christen sind oder einer anderen religiösen oder weltlichen Tradition angehören.

3.2.4 ... mit den Menschen unterschiedlicher Glaubenstraditionen und säkularer Ideologien

(69) Unsere missionarische Berufung beinhaltet eine tiefere Verpflichtung zum prophetischen Dialog mit den anderen christlichen Kirchen, mit den Anhängern anderer Glaubenstraditionen und mit Men-schen, die verschiedenen Ideologien folgen. Im Verein mit diesen Dialogpartnern hoffen wir, die Stimme des Geistes Gottes zu vernehmen, die uns zum gemeinsamen Dienst ruft. Unser Einsatz für diesen Dialog ist besonders dort wichtig, wo Katholiken in der Mehrheit sind. Fördern wir den Dialog nur dort, wo die Katholiken in der Minderheit sind, könnte man mit Recht vermuten, dass wir in ihm bloß eine Taktik sehen.

(69) Wir sind uns bewusst, dass es schwierig ist, den Dialog mit Menschen anderer Glaubenstraditio-nen und Ideologien in Gang zu bringen und erst recht, ihn in Gang zu halten. Es scheint deshalb umso dringender zu sein, uns selbst so zu erziehen, dass aus Argwohn Vertrauen zueinander werden kann. Wir sind auch aufgerufen, ein von Wohlwollen gekennzeichnetes Gemeinschaftsleben zu pflegen, das für verschiedene Gebetsformen und religiöse Ausdrucksformen offen ist und Zusammenarbeit fördert.

(70) Wir antworten auf diesen Ruf, indem wir die Mitglieder jeder Ortskirche ermutigen, Toleranz, Offenheit und Respekt zueinander und gegenüber jenen zu pflegen, die anderen religiösen und ideolo-gischen Traditionen angehören.

(71) Unsere Antwort ist wieder besser, wenn wir zusammen mit der Ortskirche nach Wegen der Zu-sammenarbeit mit Menschen anderer Traditionen und Ideologien suchen. Wir fördern religiöse Tole-ranz, gegenseitige Achtung und gegenseitiges Verstehen, Gewissensfreiheit und eine tiefe Wertschät-zung gemeinsamer, menschlicher und geistlicher Werte. Wir arbeiten zusammen an gemeinsamen Projekten, besonders an solchen, die den Erfordernissen echten Friedens und integraler, menschlicher Entwicklung entsprechen. Manchmal haben wir sogar das Glück, in einem Dialog des Gebetes unsere Erfahrung des Heiligen miteinander austauschen zu können.

3.3. SVD-charakteristische Dimensionen der missionarischen Antwort

(72) Bei der Suche nach einem tieferen Selbstverständnis sind wir dazu gekommen, bestimmte „cha-rakteristische Dimensionen“ für unser missionarisches Leben und für unseren missionarischen Dienst zu formulieren. Den Ausdruck „charakteristische Dimensionen“ gebrauchen wir, wenn wir von Ele-menten unserer Berufung sprechen, die man mit Familienmerkmalen vergleichen könnte. Verschie-dentlich wurden diese Merkmale auch als „Prioritäten“, „Gebiete“ und in jüngster Zeit als „wesentli-che Dimensionen“ bezeichnet. Bisher gemachte Erfahrung und tieferes Reflektieren über die darin angesprochenen Anliegen veranlassten uns, die Terminologie zu ändern.

(73) Der neu formulierte Ausdruck „charakteristische Dimensionen“ schließt vier Anliegen ein, denen wir in unserer jüngsten Vergangenheit besondere Aufmerksamkeit gewidmet haben. Durch die Ernen-nung von Koordinatoren auf Provinz-, Zonen- und Generalatsebene haben sie ein eindeutigeres, insti-tutionelles Profil erhalten. Es handelt sich um das Bibelapostolat (Ko. 106-108), um die missionari-sche Bewusstseinsbildung (Ko. 109-111), um die Anliegen von Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung (GFS; Ko. 112), und um die Kommunikation (Ko. 115).

(74) Die charakteristischen Dimensionen laden uns ein, unsere Erfahrung vom Göttlichen Wort in mehrfacher Hinsicht zu vertiefen. Wir lernen das biblisches Wort kennen, dessen Geschichte in der Hl. Schrift erzählt wird. Wir verkünden das begeisternde Wort, das jeden zur Teilnahme an der Sendung aufruft. Wir verpflichten uns auf das prophetische Wort, das Frieden, Gerechtigkeit und die Vollen-dung der ganzen Schöpfung ankündigt. Wir haben Anteil am gemeinschaftsbildenden Wort, das einzig danach verlangt, sich in selbstloser Liebe mitzuteilen und zu verschenken.

(75) Damit wir die Bedeutung des Begriffs charakteristische Dimensionen für unsere missionarische Berufung besser schätzen lernen, sind drei weitere Anmerkungen angebracht.

(76) Erstens sei darauf hingewiesen, dass die charakteristischen Dimensionen für sich allein nicht ausreichen, die Sendung der SVD zu umschreiben, auch wenn sie vielen Mitbrüdern und Provinzen geholfen haben, Schwerpunkte für ihr missionarisches Engagement zu setzen und sich so in einigen Ortskirchen ein eindeutigeres Profil zu geben. Unser Einsatz im vierfachen Dialog ist doch noch grundlegender für unser missionarisches Charisma ad gentes. Ja, es ist sogar so, dass die Dimensionen desto „missionarischer“ sind, je mehr sie im Rahmen des vierfachen Dialogs gesehen werden.

(77) Zweitens sind die charakteristischen Dimensionen nicht ein Privileg von Spezialisten! Sie sind das Kennzeichen eines jeden Steyler Missionars. Wohl kann jede dieser Dimensionen in einem be-stimmten, speziellen Apostolat (Bibelzentrum, Medienarbeit, etc.) verwirklicht werden, jedoch sind sie gleichermaßen „typisch“ für jedes Mitglied der SVD. Ob Mitbrüder in einer Pfarrei, in einer Schu-le, oder in einem speziellen Apostolat arbeiten, ob sie Verwalter sind oder Studenten, ob sie am An-fang oder am Ende ihres missionarischen Dienstes stehen: ihr Leben und ihre Arbeit sollten vom bibli-schen, animierenden, prophetischen und kommunikativen Wort gekennzeichnet sein.

(78) Drittens beziehen sich diese charakteristischen Dimensionen nicht nur auf unseren apostolischen Dienst. Zwar sind sie Gaben, die wir in allen unseren Aktivitäten mitteilen wollen, doch sind sie für unser eigenes Kommunitätsleben mindestens ebenso wichtig. Gerade weil wir Missionare des Göttli-chen Wortes sind, pflegen wir das gemeinsame Bibelgespräch, ermutigen wir einander, gehen wir gerecht, friedfertig und mitbrüderlich miteinander um.

III. Unsere missionarische Antwort

(79) Entsprechend all dem, was wir über den Kontext der Mission heute reflektiert haben, im Licht der Heiligen Schrift und des besonderen Verständnisses unserer Berufung, wählen wir die folgenden Richtlinien für unser missionarisches Programm in den kommenden Jahren. Unsere Absicht ist es nicht, jede unserer Arbeiten und Tätigkeiten zu besprechen, wir beschränken uns vielmehr auf jene Bereiche, die für unsere Mission heute von besonderer Dringlichkeit zu sein scheinen. Was hier gesagt wird, muß natürlich von den Zonen, Provinzen und Regionen, wie auch von den einzelnen Kommuni-täten in ihrem Umfeld und in ihre je eigenen Verhältnisse übertragen werden. Die Richtlinien erfolgen unter drei allgemeinen Themen: Unsere Antwort auf die Herausforderungen unserer Zeit – Bekräfti-gung unserer bisherigen Verpflichtungen - Erneuerung unserer eigenen Mittel.

1. Unsere Antwort auf die Herausforderungen unserer Zeit

(80) Unsere sich schnell verändernde Welt konfrontiert uns mit vielen neuen Herausforderungen: z.B. mit Globalisierung, Verstädterung, Migration, mit der Sehnsucht nach Freiheit und mit den Auswir-kungen dieser Phänomene auf das Bewusstsein und das Leben der Menschen. Es gibt neue Situatio-nen, in denen wir uns zum Zeugnis für das Reich Gottes berufen fühlen. Die folgenden Bereiche bie-ten sich an als Möglichkeiten für einen neuen Einsatz oder für neue Initiativen:

Rassismus
(81) Angesichts des in so vielen Teilen der Welt ansteigenden Rassismus und der Gefahr, dass auch wir selbst, sogar ohne es zu bemerken, davon beeinflusst werden, verpflichten wir uns, dieses Phäno-men in uns selber, in unserer Ordensgemeinschaft, und wo immer wir ihm begegnen, zu bekämpfen.

Bewahrung der Schöpfung
(82) Der Einsatz für die Bewahrung der Schöpfung ist für uns einer der neuesten missionarischen Be-reiche. Angesichts der ökologischen Krise unserer Zeit machen wir uns Sorgen um das Wohl und We-he der nachfolgenden Generationen. Wir verpflichten uns deshalb, für die Erhaltung der Umwelt zu arbeiten und einen Lebensstil zu pflegen, der die Bedeutung, die wir der Sorge um die Schöpfung beimessen, augenscheinlich macht.

Zusammenarbeit in der Ökumene und mit anderen Glaubensgemeinschaften
(83) Verstärkte Zusammenarbeit in der Ökumene und mit anderen Glaubensgemeinschaften ist eine Lebensfrage für die Zukunft der Welt. Wir sind Missionare ad gentes, gehen dankbar auf jede Gele-genheit zum Dialog ein und initiieren entsprechende Unternehmungen. Wir empfehlen deshalb den Provinzen und Regionen, regelmäßig an interreligiösen und ökumenischen Initiativen teilzunehmen. Die Mitglieder unserer Gesellschaft fordern wir auf, oft und öffentlich um Gottes Segen für die Men-schen anderen Glaubens zu beten.

Großstadtseelsorge
(84) Statistiken weisen darauf hin, dass im Laufe der nächsten 20 Jahre die Mehrheit der Weltbevölke-rung in Städten leben wird. Wir werden deshalb für die Großstadtpastoral mehr Personal und Mittel bereitstellen müssen. Unsere Zielgruppen sind dabei besonders die Jugendlichen, die Armen, die Aus-gegrenzten und allgemein jene, die spirituell auf der Suche sind. Unsere Arbeit soll nicht auf vorhan-dene Pfarrstrukturen begrenzt bleiben. In den Lehrplänen der Grundausbildung und der Weiterbildung soll der Großstadtseelsorge breiter Raum gegeben werden.

Frauen
(85) Der Platz und die Rolle der Frauen in der Kirche wie in der Gesellschaft überhaupt, besonders dann, wenn es um ihre Beteiligung an Entscheidungen geht, ist uns ein besonderes Anliegen. Wir ver-pflichten uns, uns für die Gleichberechtigung von Frauen und Männern einzusetzen. Die Zusammen-arbeit mit unseren Schwesternkongregationen, den Dienerinnen des Heiligen Geistes und den Diene-rinnen des Heiligen Geistes von der Ewigen Anbetung, wollen wir verstärken. Wir sind entschlossen, die Zusammenarbeit mit Frauen (Ordensschwestern oder nicht) auch über die Arnoldus-Familie hinaus auszuweiten.

Migranten, Flüchtlinge, Vertriebene
(86) In unserer Welt sind viele Menschen auf Grund politischer, militärischer und anderer Konflikte gezwungen, ihren Grund und Boden und ihr Heimatland zu verlassen. Andere tun das auf der Suche nach einem wirtschaftlich besseren Leben. Ob sie gezwungen wurden oder freiwillig gingen, ob sie Flüchtlinge sind oder Vertriebene, ihnen allen gilt in besonderer Weise unsere Sorge. Wir rufen die Provinzen und Regionen wie auch das Generalat auf, sich in Zusammenarbeit mit anderen, auf diesem Gebiet tätigen Organisationen, für die Flüchtlinge, Vertriebenen und Ein- und Auswanderer zu einzu-setzen.

Medien
(87) Wir befürworten die Ausbildung im Bereich Kommunikation und fordern dazu auf, die Kommu-nikationsmittel für Werte, die auf dem Evangelium und auf dem Sinn für das Übernatürliche beruhen, einzusetzen. Das wird dem häufig negativen Einfluss der Massenmedien entgegen wirken, die manchmal religiöse und menschliche Werte verneinen. Neue Möglichkeiten wie E-mail und Internet sollen als Mittel zur Verkündigung der Frohen Botschaft genutzt werden. SVD-Websites sollten der Evangelisierung dienen.

HIV/AIDS
(88) HIV/AIDS ist zu einer weltweiten Tragik geworden, Generationen von Menschen und die wirt-schaftliche Grundlage ganzer Länder sind gefährdet. Armut, Drogenmissbrauch, mangelnde Gesund-heitsfürsorge, ganz besonders aber Unwissen und die, aus kulturellen oder religiösen Gründen beding-te Scheu, über sexuelle Belange zu sprechen, begünstigen die Ausbreitung. Die Mitbrüder dürfen vor der Schnelligkeit, mit der sich die HIV/AIDS-Krise ausweitet, nicht die Augen verschließen. Gegen-maßnahmen müssen zum frühesten Zeitpunkt ergriffen werden. Wir sollten helfen, eine Atmosphäre zu schaffen, in der mit selbstverständlicher Offenheit über diese Dinge gesprochen werden kann. Da-mit können wir auf die Gefahr hinweisen und falsche Informationen richtig stellen. Den von dieser Seuche Betroffenen soll unsere besondere Sorge gelten. Das mit dieser Krankheit häufig verbundene Stigma wollen wir überwinden helfen.

2. Bekräftigung unserer bisherigen Verpflichtungen

(89) Während wir einerseits Wege finden müssen, auf neue Herausforderungen zu antworten, ist es andererseits auch nötig, unsere bisherigen Verpflichtungen zu überdenken. Dabei müssen wir die sich verändernden Zeiten genauso berücksichtigen wir das, wozu uns unser Charisma ruft.

Missionarische Ziele
(90) Unsere Konstitutionen legen dar, wie wir allgemein als SVD-Missionare leben und wirken sollen. Da wir jedoch unsere Mission in verschiedenen Formen, zu verschiedenen Zeiten und an verschiede-nen Orten ausführen, ist es notwendig, spezielle Ziele und Pläne zu erstellen. Wir rufen die Provinzen und Regionen auf, derartige Zielvorstellungen und Aktionspläne auszuarbeiten oder auf den neuesten Stand zu bringen. Sie sollen bei den regelmäßigen Kontakten innerhalb der Zonen und bei den Kon-takten zwischen Generalat und Provinzen und Regionen, besonders auch bei den Arbeitsbestimmun-gen von Mitbrüdern und bei Generalvisitationen, ein Thema sein.

Pfarrseelsorge
(91) Unsere neuesten Statistiken zeigen, dass eine große Anzahl unserer Mitbrüder in der Pfarrseelsor-ge arbeitet. Wir anerkennen und schätzen diese Arbeit. Die Provinzen und Regionen ermutigen wir, vor allem die missionarische Ausrichtung unserer Pfarreien klar zu umreißen und hervorzuheben. Un-ser vierfacher Dialog, die charakteristischen Dimensionen und die Förderung der Inkulturation sollen darin enthalten sein. Wir empfehlen besonders Teamarbeit und gemeinsame Einsätze innerhalb der SVD. Wo immer es möglich ist, empfehlen wir auch die Bildung von Seelsorgeteams, in denen die SSpS und Laien eine wesentliche Rolle übernehmen können.

(92) Pastoralkonferenzen in den Provinzen und Regionen können für koordiniertes Planen unter den in der Pfarrseelsorge arbeitenden Mitbrüdern sehr nützlich sein und für regelmäßige Reflexion und Aus-wertung die entsprechende Plattform schaffen. Wir empfehlen die Errichtung von Pastoralkonferen-zen, wo immer sie hilfreich sein können.

(93) Damit die Beziehungen zum Ortsordinarius harmonisch und sachlich erfolgen können, bestehen wir gegenüber den Provinzen und Regionen weiterhin darauf, unsere Dienste in den Pfarreien mit den Ortsbischöfen vertraglich festzulegen. Solche Verträge sollen den besonderen missionarischen Beitrag enthalten, den wir mit unserer Arbeit zu leisten hoffen.

Seelsorge unter Ureinwohnern
(94) Unseren missionarischen Dienst unter den Ureinwohnern werden wir weiterführen. In ihrem Kampf für ihr Land, für ihre Kultur, Sprache und Identität sollen sie uns durch unseren prophetischen Dialog und auf dem Weg der Inkulturation an ihrer Seite wissen. Wir werden weiterhin Wege suchen, ihnen in ihrer allgemeinen Entwicklung zu helfen. Wir verpflichten uns, ihre Sprache zu erlernen, ihre Kultur zu studieren und für das Wachstum der indigenen Kirchen zu arbeiten.

Laien
(95) In der wachsenden Teilnahme und aktiven Rolle der Laien in der Kirche sehen wir eine positive Entwicklung. Wir erkennen die Notwendigkeit, ehrlich und demütig unser eigenes Verhalten den Lai-en gegenüber, wie auch die Art und Weise unserer Zusammenarbeit mit den Menschen guten Willens, zu überprüfen. In den Institutionen, die uns anvertraut sind, sollen auch leitende Stellen, soweit sie nicht SVD-Mitgliedern vorbehalten sein müssen, wenn immer möglich Laien angeboten werden. Gern teilen wir unsere Spiritualität mit unseren Mitarbeitern.

Kultur des Lebens
(96) Es ist eine tragische Ironie der heutigen Welt, dass Wissenschaft und Technik immer neue Mög-lichkeiten zur Verbesserung des Lebens erfinden, diese Erfindungen aber zugleich oft dem Tod die-nen. Gegen diese wachsende „Kultur des Todes“ verpflichten wir uns, uns zusammen mit allen Men-schen guten Willens für eine „Kultur des Lebens“ einzusetzen. Unser Widerstand gilt allem, was menschliches Leben bedroht; das sind z.B. ungerechte Wirtschaftsstrukturen, Völkermord, Todesstra-fe, Folter usw. Tatkräftig unterstützen wir die Bemühungen zum Schutz des Lebens dort, wo es am meisten gefährdet ist.

Familienseelsorge und missionarische Bewusstseinsbildung
(97) Konstitution 109,1 gibt uns die Auflage, „große Sorgfalt auf die Bildung und Formung echt christlicher Familien, die offen sind für die Nöte der Kirche und der Welt“, zu verwenden. In unserer Zeit sind die Werte der Familie besonders bedroht, viele Familien zerbrechen. Wir möchten daher die Wichtigkeit der Familienseelsorge unterstreichen. Damit meinen wir nicht nur, dass wir uns um die Familien und ihre Nöte kümmern, sondern dass wir die Familiemitglieder selbst als Missionare sehen, dass sie „Hauskirche“ sind (Apostolicam Actuositatem 11; LG 11). Ja, wir können sagen, dass die Fa-milie in gewissem Sinne wie die Universalkirche „ihrem Wesen nach“ (AG 2) missionarisch ist. Auf diese Weise ist die Familie eine kraftvolle Zeugin der Frohen Botschaft, und wird unsere Partnerin in der missionarischen Bewusstseinsbildung. Wir ermutigen daher alle Mitbrüder, sich Gedanken darüber zu machen, wie die Familie als Partnerin in die missionarische Bewusstseinsbildung eingebunden werden kann.

3. Erneuerung unserer eigenen Mittel

Ausbildung
(98) Wir danken Gott dafür, dass er uns so viele Berufe auf der ganzen Welt schenkt. Unsere Antwort auf diesen Segen muß darin bestehen, dass wir unseren Mitbrüdern eine gediegene Aus- und Weiter-bildung anbieten, die auf unsere spezifische Berufung zum missionarischen Dienst abgestimmt ist.

(99) Wir empfehlen, dass alle Provinzen und Regionen ihre Programme für Neumissionare und für aus der Mission in ihre Heimat zurückkehrende Mitbrüder, wie z.B. Orientierungs- und Sprachkurse o.ä., überprüfen. Neumissionaren soll es damit möglich sein, sich in die aktuelle Situation der Menschen einzubinden, unter denen sie arbeiten sollen (Ko. 103); in die Heimat zurückkehrenden Mitbrüdern sollen soll damit geholfen werden, leichter wieder in die eigene Kultur zurückzufinden.

Spiritualität
(100) Die Spiritualität ist das Herz unseres missionarischen Wirkens. Wir werden daran erinnert, dass „die missionarische Aktivität eine besondere Spiritualität“ und „der erneuerte Drang zur Mission unter den Völkern heiligmäßige Missionare erfordert“ (RM 87, 90). Unsere Berufung zur Sendung Gottes ist der Ruf zu einem vierfältigen, prophetischen Dialog; das verlangt von uns eine tiefgehende Offenheit Gott gegenüber. So folgen wir dem Beispiel Jesu und pflegen diese Haltung im Schweigen, durch Betrachtung und Gebet.

(101) Wir empfehlen, dass die Gesellschaft zusammen mit den beiden Schwesternkongregationen das Arnold-Janssen-Spiritualitätszentrum fördert, und wir seine Mitglieder ermutigen, unser geistliches Erbe weiter zu entwickeln und zu artikulieren. Wir empfehlen ebenfalls, dass Provinz- und Regional-obere und ihre Räte die Entwicklungen und die Tätigkeiten ihrer Provinzteams für geistliche Führung tatkräftig unterstützen und fördern.

Kommunität
(102) Unsere Gemeinschaft von Brüdern und Klerikern aus verschiedenen Nationen und Völkern ist dazu berufen, ein lebendiges Zeichen der Einheit und der reichen Vielfalt der Kirche und des Reiches Gottes zu sein. Sie hat sich in der Tat oft als eine echte Schule für den Dialog erwiesen. Um das zu bewahren, müssen wir ständig unsere Verpflichtung erneuern, eine vom Glauben erfüllte, offene, in-ternational-interkulturelle und brüderliche Lebensgemeinschaft aufzubauen. Wenn wir dies tun, dann ist unser Gemeinschaftsleben schon der Beginn unseres Einsatzes für den vierfachen prophetischen Dialog.

(103) Einige Provinzen haben eine große Zahl älterer Mitbrüder in ihren Reihen. Auch kommen ältere Mitbrüder aus den Provinzen, in denen sie einen Großteil ihres Lebens gewirkt haben, in ihre Heimat-provinzen zurück, um dort den Lebensabend zu verbringen. Oft sind die Mitbrüder auf die Verände-rungen, die sie dabei erwarten, ungenügend vorbereitet. Das verursacht bei ihnen und bei den betref-fenden Kommunitäten Schwierigkeiten. Die Mitbrüder müssen das Loslassen lernen, um auf rechte Weise alt zu werden. Provinz- und Regionalobere sollen die Mitbrüder auf diesen wichtigen Zeitpunkt vorbereiten. Die betroffenen Mitbrüder selbst sollten ermutigt werden, rechtzeitig zu entscheiden, wo und wie sie ihren Ruhestand verbringen möchten; außerdem sollen sie ihr Testament, eine General-vollmacht (wo möglich und nötig), und gewünschte Einzelheiten ihres Begräbnisses vorbereiten. Die Provinzen und Regionen sollen zur Begleitung und Führung der Senioren geeignete Mitbrüder ausbil-den lassen.

Die Brüder
(104) Die Brüder sind in unserer Gesellschaft sehr wichtig. Wir empfehlen deshalb, dass die Gesell-schaftsleitung auf allen Ebenen ihre Bemühungen verstärkt, die Brüderberufung und ihre Entfaltung in der Gesellschaft zu fördern. Die Brüder sollen ermutigt werden, Arbeiten und Tätigkeitsbereiche zu wählen und fachliche Meisterschaft in den Bereichen zu erwerben, die direkt mit dem vierfachen pro-phetischen Dialog und den charakteristischen Dimensionen unseres SVD-Einsatzes verknüpft sind.

Missionswissenschaftliche Forschung
(105) Wir sind Erben einer wertvollen, multidisziplinären Tradition der missionswissenschaftlichen Forschung. Die sich verändernde missionarische Situation erfordert von unseren verschiedenen For-schungsinstituten und allen SVD-Missiologen, eng zusammenzuarbeiten und sich in ihren Studien und in ihrem Unterricht konkreten Problemen zuzuwenden, die zur Verbesserung unseres missionarischen Dienstes beitragen und ihn mehr auf die augenblicklichen Nöte abstimmen helfen.

(106) Wir empfehlen, dass sich das Generalat zusammen mit den Provinzen und Regionen um die finanzielle und personelle Ausstattung der missionswissenschaftlichen Forschung bemüht und beson-ders jene Projekte unterstützt, die die Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Forschungsinstitu-ten der SVD fördern.

Finanzielle Eigenständigkeit
(107) Unsere Gesellschaft wächst nach wie vor und scheut nicht davor zurück, neue missionarische Initiativen zu übernehmen. Damit wächst auch der Bedarf an finanziellen Mitteln. Dank anhaltender, großherziger Hilfe unserer Wohltäter, der finanziellen Solidarität unter den Provinzen und dank der verantwortungsbewussten Verwaltung unserer zeitlichen Güter durch unsere Ökonomen waren wir bisheran in der Lage, den wesentlichen finanziellen Bedarf der Gesellschaft zu decken. Aus leidvoller Erfahrung wissen wir aber auch, dass zu große Abhängigkeit von ausländischer Hilfe zu einer Missi-onspraxis führen kann, die den Kontakt mit der Wirklichkeit vor Ort verliert. Jeder einzelne Mitbruder und jede Kommunität sollen zu finanzieller Eigenständigkeit beitragen, das Armutsgelübde (Ko. 213) erfüllen und am grundsätzlichen Prinzip der Rechenschaft festhalten. Wir fordern die Provinzen und Regionen auf, konkrete Schritte zu finanzieller Eigenständigkeit zu unternehmen und dieses Prinzip nicht nur auf die Verwaltung der zeitlichen Güter, sondern auch auf die missionarische Praxis anzu-wenden.

Abschluß

(108) Wenn wir nun am Ende des 15. Generalkapitels eine neue Seite in der Geschichte unserer Ge-sellschaft aufschlagen, schauen wir voll Vertrauen in die Zukunft. In der Überzeugung, dass „alle Missionsarbeit ihrem Wesen nach Tat und Offenbarung des Heiligen Geistes ist, stellen wir uns und unsere Gesellschaft ganz unter seine Führung und Leitung“ (Ko. 105).

(109) Wir müssen weiterhin auf den Geist hören, um zu erkennen und zu tun, was der Dreieinige Gott will. Wir sind überzeugt, dass wir immer dann, wenn wir zum Dialog bereit sind, in Gott sind. Wo immer wir uns auf andere einlassen, sei es für eine Minute, eine Stunde, einen Tag oder ein ganzes Leben, werden wir zum Geschenk für sie und für Gott. Und Gott, der in ihnen wie auch in uns wohnt, wird im Gegenzug zum Geschenk für uns alle. So schließen wir uns voll Freude unserer Gründergene-ration und allen Jüngern Jesu an, indem wir uns erneut verpflichten, von der Hoffnung erfüllte Zeugen der Frohen Botschaft vom Reich Gottes sein zu wollen.

(110) Mit dem Bewusstsein, dass die missionarischen Herausforderungen von heute enorm sind und unsere Antwort darauf völlig unzureichend bleibt, verbinden wir die Überzeugung, dass die Mission grundsätzlich Gottes Werk ist. Wir wollen voll Zuversicht bekennen, dass das kommende Reich Got-tes „nicht nur außerhalb unserer Möglichkeiten liegt, sondern sogar außerhalb unseres Blickfeldes. Wir können nicht alles tun. Wem das klar ist, der sieht darin eine Art Befreiung. Wir werden so befä-higt, einiges zu tun, und dies sehr gut zu tun“ (Erzbischof Oscar Romero zugeschrieben).

(111) Jetzt, in der Mitte des Jubiläumsjahres 2000, da sich die Tür zu einem neuen Jahrtausend auftut, danken wir Jesus Christus dafür, dass er uns berufen hat, seine Jünger zu sein. Voll Freude tragen wir seinen Namen als Missionare des Göttlichen Wortes und bekennen dankbar: „Sein Leben ist unser Leben, seine Sendung unsere Sendung“ (Prolog der Konstitutionen).

14. Juli 2000